Montag, 19. März 2012

Der schmale Grat zwischen Tiefkühlpommes und Blumenkohl

In diesen Hallen schlummert ein Monster. Seine tobsüchtigen Augen suchen nach mir, das weiß ich. Bereit, jeden Moment zuzuschlagen, aber ich bin vorgewarnt. Komm nur, Monster, ich weiß mich zu verteidigen!
Doch vielleicht sollte ich zuerst chronologisch etwas zurückgreifen, und meine gefährliche Situation und deren Umstände näher beleuchten.

Ich lebe in einer Wohnung im Zentrum der Stadt, und meine Wohnung teilt sich wiederum das Haus mit weiteren Wohnungen. Das alles wäre noch keine Rechtfertigung für den Verfolgungswahn bezüglich mich heimsuchender Augen, doch die Situation ist etwas kniffliger als man vorerst annehmen könnte. In einer der Wohnungen meines Wohnblocks nämlich, da wohnt seit wenigen Wochen Karo.

Karo hat einen tollen Körper, lange zum Zopf gebundene braune Haare und grüßt mich im Treppenhaus immer freundlich, aber gekonnt schüchtern. Einmal hat sie mir auch zugezwinkert. Klar, dass sie Sex will. Aber wie alle Männer mit einem gewissen Maß an Erfahrung und Würde wissen, will eine Frau dieses Kalibers erobert werden. So sicherlich auch Karo.
Man könnte sagen, dass mein akutes Problem mit dieser Ausgangssituation seinen Anfang nahm.

Karo, die eine Etage über mir wohnt, studiert Sportgeschichte. Darüber könnte ich wegsehen, sicherlich, jeder macht mal Fehler, aber es ist leider immer noch viel heikler, als bisher beschrieben. Ihre Freizeit verbringt Karo nämlich, ich weiß das, weil ich sie dort oft sehe, wenn ich von meinem Job als Mitarbeiter einer kleinen Bücherei nach Hause komme, zu einem großen Teil im Fitnessstudio um die Ecke. Das Problem an der Sache findet dort sein Fundament, wo meine Faulheit und meine generelle Abneigung gegen Sport erwähnt werden. Meine Gehirnhälften führen kurze Streitdialoge, in denen sie darüber entscheiden wollen, welcher Grundsatz nun stimmt: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Ein Interessenskonflikt, der für das Zustandekommen einer späteren Liaison von entscheidender Wichtigkeit sein könnte.

Jetzt gilt es Ruhe zu bewahren. Ich und meine Gehirnhälften beschließen Möglichkeiten abzuschätzen. Lassen wir die sportliche Sport-studierende Studentin ihr trostloses Leben führen, ohne in den Genuss eines geselligen jungen Mannes wie mich zu kommen, oder versuchen wir, durch konsequente Aufopferung und Verzicht auf Fast-Food und Co. Ihr Herz für mich zu erobern? Welche Frau könnte solch eine Selbstlosigkeit unbeachtet lassen?

Dass die Frau mit dem Klingelschild, auf welchem „Winter“ steht, den Vornamen Karo trägt, weiß ich von Julia. Julia ist eine gute Freundin von mir und arbeitet in der Gemüseabteilung des Supermarktes in meiner Straße. Das bringt den Vorteil mit sich, dass wir uns nie sehen, wenn sie arbeitet, und somit eventuell peinlichen Situationen gleich im Voraus aus dem Weg gehen. Auch Julia verbringt Teile ihrer Freizeit im Fitnessclub der Straße, was wiederum der Grund dafür ist, dass sie Karo kennt. So sind aus den zwei Damen schnell Freundinnen geworden, was mir neue Möglichkeiten verschaffte, so zum Beispiel, Frau Winter beim Namen zu nennen. Und Karo ist ein ausgesprochen schöner Name, der sich phonetisch deutlich als bester Konkurrent von Pik, Kreuz und Herz abhebt.

Dummerweise, und die meisten Frauen werden mir an diesem Punkt Recht geben, gibt es die besten Freundschaften oft nur unter dem jeweils gleichem Geschlecht, und so kam es, dass mir Karo sehr schnell meinen Rang abgenommen hat, und nun, man könnte sagen, die beste Freundin von Julia ist.

Es wird immer verzwickter.
Und hier nähere ich mich der anfangs beschrieben Situation und der Höhle des Löwen.

Mein Kühlschrank samt Tiefkühlfach und vor allem letzteres zwingen mich durch ein auffällig großes Maß an Leere dazu, die 2 Etagen und etliche Meter zum beschriebenen Supermarkt zu gehen und den Freiraum des Kühlschranks und später meinen Magen zu füllen. Da ich mit hungerndem Magen nicht entspannt am Rechner sitzen kann, bleibt mir also nichts anderes übrig, als diesen Akt des Ausdauerlaufes auf mich zu nehmen.

Um Atemluft ringend erreiche ich einige Zeit später die Pforten des Palastes der Kapitalismusausübung.

In diesen Hallen schlummert ein Monster. Seine tobsüchtigen Augen suchen nach mir, das weiß ich. Bereit, jeden Moment zuzuschlagen, aber ich bin vorgewarnt. Komm nur, Monster, ich weiß mich zu verteidigen!

Julia ist hier, ich muss vorsichtig sein. Frauenfreundschaften sind die direkteste Form der Kommunikation der Welt, der am reibungslosesten funktionierende Buschfunk. Selbst das Internet ist langsamer, selbst das FBI weiß weniger. Wenn ich mich jetzt bei einem Nahrungserwerbsfauxpas erwischen lassen sollte, Gott sei meiner Seele gnädig.

Die ersten Minuten verlaufen reibungslos, ich pirsche durch die Regale, lasse meinen Wagen immer wieder stehen und schleiche mich erst einmal ohne vor, um die Lage zu checken. Ich fühle mich wie Tom Cruise in Mission: Impossible, nur deutlich weniger Arschloch. Vollkommen berauscht von meinem bisherigen Erfolg beschließe ich, mein Glück jetzt doch einmal richtig auf die Probe zu stellen. Destination Tiefkühltruhe. Jetzt geht’s ans Eingemachte, no risk - no fun, das ist mein Motto!

Das Riskanteste an meinem Vorhaben ist der Fakt, dass sich direkt neben den Tiefkühltruhen der Gemüsebereich befindet. Ich muss also denkbar vorsichtig sein und behalte meine langsame Vorpirschtaktik bei. Keine Spur von Julia, die Luft ist rein, ziemlich rein sogar, es duftet nach Grünzeug.

Das Ziel meiner Begierde befindet sich jetzt direkt neben mir. Gar köstliche Tiefkühlfritten in der Truhe neben mir warten nur darauf, von mir erst einem Saunabesuch unterzogen zu werden und anschließend in meinen Mund einzukehren. Ich öffne also die Truhe, beuge mich hinüber und.. Verdammt, Julia!

Mein Adrenalinspiegel ist plötzlich so hoch, wie zum letzten Mal beim Endgegner von Call of Duty. Alles läuft in Zeitlupe. Ich weiß genau, in wenigen Sekunden wird sie mich sehen. Zum Glück habe ich in den Jahren meiner Computererfahrungen gelernt, mit Bullet-Time umzugehen. Los Gehirnhälften! Zieht noch mal eure Optionen-Check-Nummer ab!
Tiefkühltruhe? Fehlanzeige, damit ruiniere ich nicht nur meine Chancen bei Karo sondern verliere zudem auch noch meine Reputation vor der gesamten Kundschaft.
Mission: Impossible-style an die Decke springen und dort abwartend verharren? Ach hätte ich nur etwas Zeit im Fitnessclub verschwendet.
Das Gemüse zu meiner Rechten? Mist, da steht ein Wagen direkt zwischen mir und dem Grünzeug, schlimmer noch: Das Einzige, was in greifbarer Nähe erscheint, sind Blumenkohlköpfe. Ich mag ja einiges an Gemüse nicht, aber Blumenkohl ist der unangefochtene König unter meinen Gemüseantagonisten. Julias Blick hebt sich vom Boden, es nützt nichts, jetzt oder nie. Veni, vidi, salire! Athletisch wie Herakles bei seinen 12 Prüfungen hechte ich über den Wagen zwischen mir und dem Gemüsekisten. Zweifelsohne sehe ich dabei aus wie Michael Jordan beim Sprung zum slam dunk. Als meine Hände den weißen Kohlkopf erreichen hat Julia mich erkannt und lächelt mit zu.
Stolz und erhobenen Hauptes trage ich das Gemüse in die Richtung meines Wagens und lege es würdigend hinein, während ich ihr zunicke.

Mein Moment der Euphorie währt nur kurz, denn ich stelle fest, dass mich Julias blick weiterhin verfolgt. Plötzlich scheint sie sich zwischen jedem Regal zu befinden, völlig unmöglich für mich, meiner regulären Ernährung nachzugehen, es nützt nichts. Ich werfe das Gemüse in meinen Wagen, dessen Name ich kenne, später gesellen sich noch Brot, Halbfettmargarine und sogar eine Tüte Ofenchips (0% Fett!) dazu.

Ich bin deprimiert. An der Kasse befinden sich kleinere Kühltruhen mit Eis am Stiel, wenigstens das soll mir heute nicht vergönnt bleiben, doch wie könnte es anders sein, Julia steht mit ein paar Bechern Joghurt hinter mit und erzählt mir von ihrem Feierabendeinkauf. Ich will nach Hause. Ich denke an einen Moment meiner Kindheit, in dem ich zum ersten Mal feststellen musste, dass mein GameBoy nichts zwangsläufig funktionieren muss, nur weil sich 4 Batterien darin befinden. Ich weinte stundenlang, da es sich nicht um Akkus handelte und sich keine geladenen Batterien im Haus befanden. Meine Tränen wuschen die Farbe aus meinem Lieblingsplüschtier, bis mir meine Mutter schließlich aus dem Tante-Emma-Laden gegenüber neue Batterien brachte. Ja, in meiner Kindheit war nicht immer alles heiter Sonnenschein.
„Hey, du hast ja nur gesunden Kram dabei, stellst du deine Ernährung um? Find ich super!“
Ich nicke und lächle, drehe mich aber eilig weg um meine Tränen zu vertuschen.

Am Tag darauf, und zum Abendessen gab es Pizza, selbstverständlich vom Lieferdienst, beschließe ich, doch noch meinen Nutzen aus dem gestrigen Einkauf zu schlagen. Ich richte einen riesigen Gemüseteller an, ich google nach Rezepten mit Blumenkohl und anderem Gemüse und deren Zubereitung, alles nur, um mich später zu trauen bei Winters zu klingeln und Karo mit einem köstlichen Mal für mich zu gewinnen.

Ich bin schockiert. Das Internet hat mir einmal mehr gezeigt, dass es Wunder gibt. Mit den vereinten Kräften meiner Freunde den 2 Hirnhälften und dem Internet habe ich es geschafft, ein ansehnliches Mahl zuzubereiten. Potzdonner. Euphorisiert richte ich ein Picknickkörbchen an und gehe in den Flur, um eine Art verspätetes Begrüßungsritual für die nicht mehr ganz so neue Nachbarin zu zelebrieren.

Nachdem ich gefühlte Stunden nach meinem Klingeln geharrt habe, öffnet sich die Tür, ich bin total aufgeregt, schaffe es aber das wesentliche Anliegen meines Störens zu schildern.
„Hey, was ist denn in dem Korb? Du hast gekocht? Wie lieb, klar komm rein, dann können wir uns etwas kennen lernen!“
Das lief ja besser als ich es mir hätte erträumen können! Wir reden eine Weile über Belanglosigkeiten wie das Wetter und den Wohnblock, dann über ihr Studium, ihre Fitnessclubbesuche und meinen spannenden Arbeitsalltag im Buchladen, als Karo mich darauf hinweist, dass gekochte Speisen nicht ewig warm bleiben, und wir deswegen vielleicht auch verspeisen sollte, was ich da gekocht habe.
Ich nehme also aufgeregt und etwas stolz das Tuch vom Picknickkorb und serviere das Menü.
Karo schaut etwas skeptisch, und ich frage sie, ob irgendwas nicht stimmt.

„Weißt du, warum ich nicht Sport, sondern Sportgeschichte studiere? Oder warum ich so viel Zeit im Fitnessclub verbringe?“
Ich tendiere auf gesteigertes Interesse für Sport.
„Nimms mir nicht krumm, aber ich kann solchen puren Gemüsekram nicht essen, ins Fitnesscenter gehe ich nur, damit meine Ernährung nicht ansetzt! Aber lass dich nicht aufhalten, iss nur! Ich hab noch Backofenfritten da.“




© Artwork by 'tikurion' (http://tikurion.deviantart.com/)

Montag, 12. März 2012

Interview mit Juracid

Juracid: Sehr geehrter 655321. Ihr umstrittener gleichnamiger Blog 655321 ist für viele Leser derzeit ein Meilenstein in der Lebensfindung- und Erweiterung. Tabus werden gebrochen, Meinungen direkt ins Gesicht geblasen und oftmals kommt die Gesellschaft nicht gerade gut dabei weg. Was waren Ihre Intentionen, solch einen Blog über das alltägliche Leben im knallharten Realismus zu gestalten?

655321: Zunächst einmal Danke für das Kompliment. Nun, 655321 entstand nicht aus dem Grund, aus welchem es heute existiert. Zu Beginn handelte es sich dabei eher um ein Medium, mit dem ich, sagen wir einfach, negative Zeiten und Dinge zu verarbeiten versuchte. Da dieses Ziel irgendwann erfüllt war, ich aber meine Vorliebe für das Schreiben entdeckte, konnte das, was gut anfing, natürlich nicht einfach von der Welt genommen werden. 655321 wurde also eine Sammlung von Kurzgeschichten und Gedanken, die ich loswerden musste. Menschen Dinge ungeschönt darlegen, das war schon immer meine Grundeinstellung. Dass aber auch hin & wieder humoristische Texte auftauchen, ja sogar Texte über so was wie Liebe, das muss ja auch mal sein, ist ja klar, das Leben ist ja nicht ausschließlich negativ. ganz im Gegenteil.

Juracid: Nun ja, nicht umsonst handelt es sich bei Ihrem Blognamen um die Zellennummer des Alexander DeLarge aus dem berüchtigten Skandalfilm Uhrwerk Orange aus dem Jahre 1971. Hat dieses kunstvolle cineastische Meisterwerk Sie bei Ihren Texten stark beeinflusst?

655321: Oh, da hat jemand nachgeforscht. Ja, ohne Zweifel hat "A Clockwork Orange" mich beeinflusst. Nicht unbedingt so, dass ich deswegen bestimmte Texte verpasst habe, aber ethisch definitiv. Da haben Burgess und Kubrik großartige Arbeit geleistet. Ich bin, so sagt man, ein Mensch, der sich sehr für Recht und Unrecht, Freiheit der Gedanken und der Auslebung seiner Persönlichkeit interessiert.

Juracid: Oh ja, davon liest sich in Ihren Geschichten ja auch recht viel. In Ihren Texten geht es zum Beispiel um das alltägliche Leben von Obdachlosen, der Heuchelei einer ideologielosen Partygesellschaft, die Konsumsucht der Bevölkerung, der leichenbefledderte Kapitalismus großer Konzerne, schwindendes Vertrauen in der Liebe und die schonungslose Darstellung männlicher sexueller Triebe. Inwieweit spiegeln sich diese Berichte denn auch im Leben des Autors wieder? Würden Sie sagen, dass in Jedem Ihrer Berichte ein Teil von Ihnen persönlich steckt?

655321: Definitiv. Und wenn es nur ein kleiner ist. Es kommt aber auch nicht selten vor, dass ein Text 100% ich ist. Oftmals geben Situationen, die ich alleine oder mit Freunden erlebe, Ausschlag für einen späteren Text. Ich habe zum Beispiel einen sehr guten Freund, der mit seinen, vielleicht manchmal etwas seltsamen aber durchaus umsetzbaren, Ansichten und Gedanken für den besagten Text über einen obdachlosen Menschen in einer Großstadt verantwortlich ist. Zugegeben: Ich mag den Text.
Andere Texte, wie zum Beispiel die Sache mit dem brennenden Firmenkomplex, sind schon fast direkte Wünsche. Wenn es in einem Text um Liebe geht, dann darf man davon ausgehen, dass es sich beim Protagonisten um mich handelt...

Juracid: Sehr interessant 655321. Der standarisierte CDU-Leser würde bei solchen Texten natürlich mit dem Kopf schütteln und sich fragen, was in Ihrem Leben verkehrt gelaufen ist. Warum zum Beispiel schreiben Sie denn keine ausschließlich fröhlichen Bücher über das Schöne im Leben? Zwar erzählen Ihre Texte auch von Freundschaft und Geselligkeit, jedoch wird es natürlich Fragen geben, wie Sie zu den weitaus verbreiteteren bizarreren Themengebieten gedanklich gelangt sind. Um diese Fragen den werten Kollegen vorweg zu nehmen, wird meine Wenigkeit Sie einfach mal salopp nach dem Kern ausquetschen, was demnach heißen soll, ob Sie für ihre morbiden Texte persönlich vom Verlauf des Lebens gekennzeichnet wie geprägt sind. Was meinen Sie dazu?

655321: Ich vertrete die Meinung, dass man Texte nicht schreiben kann, wenn man nicht mit dem, was man schreibt, vertraut ist oder sich zumindest damit befasst hat. Klar habe ich viele Situationen auch so oder so ähnlich erlebt, wie ich sie beschreibe. Zugegeben: Ich bin nicht Obdachlos und hatte noch nie Sex mit einem Produkt aus einem Fast-Food-Restaurant. Asche auf mein Haupt, ich bitte um Vergebung. Für mein Weltbild mache ich auch meinen Werdegang verantwortlich. Es gibt Menschen, und das ist einfach die breite Masse, die derartige Texte nicht versteht, weil in ihrem Leben bisher nur Sonnenschein die Runde machte. Ich will nicht sagen, dass in meinem Leben alles tragisch und mies verlief, aber ja, es gab auch Schattenseiten.

Juracid: Sie erzählten zu Beginn dieses Dialoges, dass Sie Ihren Blog anfangs nur gestartet haben, um persönliche Dinge zu verarbeiten. Waren es denn diese Schattenseiten, welche dazu geführt haben?

655321: Nein, ich denke nicht, wenn überhaupt, dann zu einem nicht mehr nennenswerten Teil. 655321 entstand in einem unschönen Lebensabschnitt, ganz klar, aber längst nicht mit einer so gewaltigen Tragweite, als dass es mich zu dem machte, was ich heute bin. Wie so vieles entstand der Blog aus so etwas wie Liebe. Es hat einfach geholfen, sich von der Seele zu schreiben, was nicht gut lief und was ich mir wünschte, oder ganz einfach auch, wie es mir ging. Nicht, dass sich dadurch etwas geändert hätte, aber doch, wie gesagt, es half mir. Aber heute bin ich dankbar für diese Zeit. Ich bin weitestgehend zufrieden mit mir und meiner Situation, ich sehe Dinge realistischer und rationaler und ich komme mit bestimmten Situationen besser klar, als noch in unerfahreneren Zeiten.

Juracid: Haben Sie Ziele, die Sie mit Ihrem Blog anstreben? Oder anders gefragt: Welche Zielgruppe von Lesern wünschen Sie sich für Ihre Schreibkunst?

655321: Ein schönes Ziele wäre es, mein, ich wage es einmal Talent zu nennen, mit 655321 so weit auszubauen, dass ich vielleicht irgendwann mal etwas größeres fertigstelle. Der Gedanke irgendwann einmal ein Buch in einer Bücherei zu sehen, auf dem mein Name zu lesen ist, ist großartig. Zum Thema Zielgruppe. Ich freue mich über JEDEN Leser, der sich mit dem, was ich schreibe identifizieren kann, natürlich auch über jeden, der darüber ausgiebig mit mir diskutieren möchte. Ich grenze da niemanden aus. Es wäre auch unklug, das zu tun, wo ich doch bei derzeit rund 30 treuen Lesern bin. Wenn ich irgendwann einmal die, sagen wir einfach realistisch gesehen, zehn Millionen Leser habe, dann grenze ich alle Menschen aus, die eine Chefposition in einem Unternehmen habe. Oder noch besser, ich lasse sie Zahlen, damit sie in den Genuss kommen, aber ich schweife etwas vom Thema ab...

Juracid: Oha, daraus kann man schließen, dass Sie mit Instanzen eher negative Erfahrungen durchlebt haben?

655321: Man verstehe mich nicht falsch. Ich habe prinzipiell nichts gegen Menschen, die es geschafft haben, an eine Führungsposition zu kommen. Aber ja, ich habe durchaus negative Erfahrungen gemacht. Am stärksten kritisiere ich aber, dass Menschen in der Chefetage oftmals ihre menschliche Seite aufgeben. Oft auch wissend und wollend. So was ekelt mich an.

Juracid: Das ist verständlich. Damit wären wir wohl bei einem weiteren Ventil, was Sie in Ihrem Blog persönlich verarbeiten. Planen Sie denn in naher Zukunft die Umstellung des Blogs auf ein richtiges Buch? Oder soll Ihr Blog für die nächste Zeit in seiner jetzigen Form bestehen bleiben?

655321: 655321 ist und bleibt ein Blog, so viel steht fest. Wenn es irgendwann ein Buch von mir geben sollte, dann wohl unter meinem bürgerlichen Namen und als, so nehme ich an, zusammenhängende Geschichte. Über ein Kurzgeschichtenbuch könnte man allerdings auch nachdenken.

Juracid: Würden Sie sagen, dass sich Ihr Grundgefühl beim Schreiben in Ihren Blog seit Beginn verändert hat? Haben Sie sich in dieser Zeit verändert? Sie deuteten ja bereits weiter oben an, dass Sie Persönliches, sagen wir mal, "abgearbeitet" hätten.

655321: Ich glaube, gerade in den letzten 3 Jahren, bin ich reifer und eben auch rationaler geworden. Natürlich wird immer ein Kindskopf in mir existieren, das ist auch gut so, aber doch, ich habe mich verändert. Somit auch das Grundgefühl beim Schreiben. Damals war es oft auch direkte Kritik an irgendwelchen Personen oder Dingen, Texte, die ich mittlerweile so schlecht finde, dass ich sie vom Blog nehmen musste des guten Gesamtbildes wegen. Zum anderen Punkt führe ich an, dass mir der Blog sehr wohl beim Verarbeiten eines, sagen wir mal Tiefpunktes, geholfen hat, aber persönliche Dinge immer ihren Weg in weitere Texte finden werden, natürlich auch in den unterschiedlichsten Themengebieten.

Juracid: Nun, der Mensch entwickelt sich natürlich auch weiter. 655321, gestatten Sie mir eine persönliche Meinungsfrage: Sie sind 1990 geboren, wirken aber dennoch vom beruflichen wie persönlichen Leben bereits entsprechend geprägt. Glauben Sie, dass junge Menschen Ihres Alters in heutigen Zeiten schneller in eine Depression stürzen oder den Anschluss verlieren?

655321: Nicht, dass ich mich in einer Depression oder vergleichbarem stecken sehe, aber Themen wie ADHS, Depressionen und Burnout werden den Menschen heutzutage ja in die Wiege gelegt. Da werden Volkskrankheiten erfunden, damit sich auch jeder einzelne mit irgendeiner schrecklichen psychischen Krankheit identifizieren kann. Klar, Depressionen und die anderen genannten und ungenannten Dinge sind existierende, ernstzunehmende Krankheiten, aber nicht jeder ist ein Patient.
Ich selbst schätze mich jedenfalls als weitestgehend gesund ein, auch wenn böse Zungen gelegentlich anderes behaupten.

Juracid: Worauf ich in Ihrem Texten auch gestoßen bin, ist ein Eintrag über die schwarze Nischenkultur, im Volksmund "Gothic" genannt. Sie haben sich in diesem Bericht u.a. als Fan der punkorientieren EBM-Band "Deutsch-Amerikanische Freundschaft", kurz D.A.F., bekannt. Diese berüchtigte Band, Pionier auf ihrem Gebiet, ist ja hinlänglich für ihre umstrittenen Texte bekannt. Besonders das Stück "Der Mussolini" gilt als eine der nihilistischen Hymnen überhaupt und zieht jeden Kult wie Glauben durch die Mangel. Kann man somit davon ausgehen, dass Sie, 655321, Abstand von allen gängigen Weltreligionen nehmen? Und wenn ja, spiegeln sich nihilistische Anekdoten demnach auch in Ihren Texten wieder?

655321: Ein Buch-, Film-, und Musikkenner, nicht übel! Zuerst: Ja, ich stehe auf die Musik von D.A.F. Das aber nur als Randinformation. Richtig ist auch, dass ich Abstand von Weltreligionen nehme, ausgenommen natürlich Atheismus, wenn man diese Überzeugung denn unter der Rubrik Weltreligionen finden kann. Wie sich mein Abstand von Religionen bemerkbar macht, findet man beim Lesen meiner Texte schnell heraus. Oder hast du auf 655321 schon einmal etwas über Götter gelesen? Vielleicht ziehe ichs mal durch den Kakao, mehr aber auch nicht. Allerdings, und das möchte ich betonen, finde ich den Glauben als solches nicht negativ, wenn es einem hilft. Dahingehend wurde ich, auch von Menschen die es besser hätten wissen sollen, oft missverstanden.

Juracid: Dafür ist ja nun dieses Interview da, um solche Dinge einmal richtig stellen zu können. Da Sie Bücher ansprechen: Würden Sie sagen, man liest den Einfluss Dirk Bernemanns in Ihren Texten heraus?

655321: Merkt man es immer noch so sehr? Es ist ein offenes Geheimnis, dass Dirks erstes Buch dafür verantwortlich ist, dass ich jemals den Mut zum Schreiben gefasst habe. Er ist ein großes Vorbild für mich, damals wie heute. Wenn er tourt besuche ich seine Lesungen, lasse mir seine Bücher signieren und dass ich bei einem Text-schreibe-Wettbewerb von ihm gewonnen habe, weiß der interessierte Leser. Ich habe ihm auch die Adresse zu meinem Blog gegeben, wer weiß, vielleicht liest er auch dieses Interview. Ich habe schon vor 655321 gebloggt. Damals noch auf MySpace, da waren die Texte allerdings viel deutlicher von Bernemann geprägt, ja fast schon kopiert, als es heute vielleicht der Fall ist.

Juracid: Sind diese Texte für die Öffentlichkeit denn noch verfügbar? Denn sicherlich interessieren sich Ihre Leser auch dafür, wie der Autor hinter 655321 einst begonnen hat.

655321: Zum Glück sind sie das nicht mehr, nein. Ich besitze sie aber noch. MySpace hat sich auch damals sehr geweigert, von mir zu lassen, da musste ich zum Löschen des Kontos sehr kreativ sein, aber das ist eine andere Geschichte...

Juracid: Verstehe. Nun denn. Möchten Sie Ihren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

655321: Ich lasse mich von Büchern und Filmen gern beeinflussen, und wenn ich einen guten deutschen(!) Film (Verschwende deine Jugend), in dem es unter anderem um die Kultband D.A.F. geht zitieren darf, dann sage ich abschließend:
Die Augen aufs Große und den Großen aufs Auge!




© Artwork by 'fauziazmi' (http://fauziazmi.deviantart.com/)

Mittwoch, 29. Februar 2012

Ich kann auch romantisch.

655321: "Eigentlich eher für mich, als für die Öffentlichkeit geschrieben, aber beim nochmal Lesen konnte ich mich nicht erwehren, es zu veröffentlichen..."


Bambi im Kriegsgebiet

Nur, weil die Welt aus den Fugen gerät, müssen wir noch lange nicht fallen.
Wir tanzen einen eng umschlungenen, romantischen Walzer, mitten im Moshpit des Lebens.

In einer Gasse in der Gosse spazierend, weil die Welt für dich ein friedlicher Ort ohne Gefahren ist, hast du mich gefunden. Es regnete, es war kalt. Eiskalt. Hast mich angesprochen und ich habe selten eine so freundliche Stimme gehört. Nahmst mich mit zu dir, hast aus mir wieder einen Menschen gemacht, und ich revanchiere immer, ob für nette, oder für nicht so nette Dinge. Ich vergesse nichts, was von Belang ist.

Seit dem versuche ich dich zu schützen, Bambi im Kriegsgebiet, und ich möchte Kugeln für dich abfangen, wenn es sein muss, im Kreuzfeuer baden. Manchmal wünsche ich mir, dass ein Zug auf dich zugerast kommt, nur um dich im letzten Moment wegzustoßen, mich für dich zu opfern und als dein Held zu sterben, manchmal wünsche ich aber auch, dass ich noch viele Jahre mit dir vor mir habe, ohne frühzeitig von dir zu gehen.

Meine Liebe ist nicht phlegmatisch, aber wo sie hinfällt, da bleibt sie gerne liegen. Du bist eine Insel mitten im Ozean des Unwohlseins, auf der man gerne liegen bleibt. Eine Oase in einer Wüste aus Alltäglichkeit und Stress.

Ich mag die meisten Menschen nicht, aber von allen Menschen mag ich dich am meisten. Du bist anders als die Anderen, allein schon, weil du liebst, dass ich anders bin als Andere.

Und wir gehen. Spazieren ab jetzt gemeinsam durch den Regen, durch die dunkelsten Gassen, und alles ist irgendwie in Ordnung, weil wir nicht allein gehen.


© Artwork by 'instantvoodo' (http://instantvoodo.deviantart.com/)

Die gar nicht traurige Geschichte mit dem Feuer

Die Hände hinter dem Kopf verbunden, die Schultern streckend, lege ich mich in den unbequemen Bürostuhl und schließe für einen Moment die Augen.
Der Rechner brummt leise vor sich hin und ich versuche zu entspannen.

Der Brandschutzsprinkler geht los, ich halt die Augen noch für wenige Momente geschlossen, werde nass, es kümmert mich nicht. Der Computer ist aus, der Bildschirm wirkt sehr ungesund mit seiner Schlieren aufzeigenden Oberfläche.

Der Alarm des Bürokomplexes zerstört letztendlich meinen Ruhezustand und lässt mich langsam von meinem Platz aufstehen. Nasse Haare fallen in Mein Gesicht, während ich meine Jacke über meine Schulter werfe und gelassen meine Bürokabine verlasse. Ein paar Mitarbeiterinnen rennen im Flur kreischend an mir vorbei, nervig. Ich schließe die Tür hinter mir ab, einfach so, ganz ruhig.

Auf dem Weg zum Treppenhaus stoßen unzählige Schultern gegen mich, alle drängen sich zum Fahrstuhl, auf dessen Türen deutlich lesbar „Aufzug im Brandfall nicht benutzen“ steht. Auch das „Max. 10 Personen“ wird gekonnt ignoriert.

Eine Hand an meiner Jacke, die andere in der Hosentasche, gehe ich die Treppen hinunter, 3 Stockwerke bis ins Erdgeschoss. Machbar. Auch hier treffe ich allerdings auf panisch herunterstolpernde Mitarbeiter des Konzerns.

Die Flüchtlinge pressen sich im Erdgeschoss durch die Drehtüren, die normale Tür daneben bekommt man aufgrund des Andrangs nicht mehr geöffnet, ich drehe um, nehme den Hinterausgang, einen Flur weiter weg. Aber immerhin ungestört und ohne Gedrängel.

Auf dem Sammelplatz vor dem Gebäude wird der Brand nun von allen in Augenschein genommen. Da fallen Sätze wie „Oh Gott, oh Gottohgott!“ oder „Die armen Kollegen!“.

„Die armen Kollegen“… Ich versteh’s nicht. Ausnahmslos jeder der Kollegen steht hier herum, was gibt es zu bemitleiden? Dass sie jetzt ein paar Tage beurlaubt werden, da ihr Arbeitsplatz dem eines Pyrotechnikers Konkurrenz macht?

Als der strahlend rote Feuerwehrwagen auf den Vorhof einzufahren gedenkt, dauert es einige Sekunden, bis die gaffende Masse sich dazu überwindet, Platz für das Löschfahrzeug zu machen. Da gilt Spannung vor Sicherheit, könnte ja sein, dass doch noch ein auf der Toilette eingesperrter Kollege den Freitod wählt, da ihm die Situation ausweglos erscheint. Und so ein Feuer ist ja auch was Spannendes, die Entdeckung des Feuers liegt schließlich nur wenige Jahre zurück, es verliert einfach nicht an Reiz.

Als die Männer die Flammen gelöscht haben und das schwarz rauchende Stockwerk deutlich mitgenommen erscheint, werden noch letzte Fotos mit den Smartphones gemacht, ehe der Leiter der Region unseres Arbeitsplatzes den Durchruf macht, dass für heute sämtliche Arbeiten eingestellt sind. Man solle sich daheim vom Schock erholen. „Vom Schock“.

Vollkommen ‚schockiert’ steige ich in meinen Wagen, die White Stripes massieren mein schockiertes Trommelfell und meine traumatisierte Seele. Ich fühle mich entspannt, beruhigt. „Eigentlich ein okayer Tag“, bemerke ich, mit mir selbst sprechend.

„Ist die Abteilungsabrechnung fertig, Herr Rieger?“ fragt mich die gereizte Stimme meines Vorgesetzten. Es dauert einen Moment, ehe ich realisiere, warum sein Gemütszustand so negativ erregt wirkt. Ich unterbreche den Bildschirmschoner des leise brummenden Rechners mit einer Mausbewegung. „Bin so gut wie fertig, in einer halben Stunde haben sie’s auf ihrem Tisch…“


© Artwork by 'billyunderscorebwa' (http://billyunderscorebwa.deviantart.com/)

Samstag, 4. Februar 2012

Wenn ich über dich schreiben müsste

Wenn ich über dich schreiben müsste, und glaube mir, ich täte es ungern, was würde ich dann schreiben? Wäre es ein langer Text? Ich glaube nicht, ich könnte dir viel ins Gesicht schreien, aber es aufzuschreiben wäre mir die Mühe nicht wert. Es wäre also ein kurzer Text mit der Tendenz zu Haiku, vielleicht doch etwas länger aber doch immer mit dem Vorsatz, sich kurz zu fassen. Ich muss also Stopfen, und das bring das Paradox mit sich, dass Stopfen ja immer mit Anstrengungen verbunden ist, was ja doch wieder Mühe macht.

Wenn ich also kurzfassend und stopfend nicht zu lang und vor allem versucht mühelos über dich schreiben würde, was würde ich dann schreiben? Ich würde wohl nicht beleidigend werden, obwohl ich ausreichende Wut dafür hätte, aber das wäre würdelos. Ich müsste also versuchen meine Wut zurückzuhalten und sachlich zu bleiben. Auch das kann anstrengend sein.

Über dich zu schreiben erscheint mir schon jetzt alles andere als entspannend und ich habe noch nicht einmal angefangen. Wenn mich schon die Frage, was ich über dich schreiben würde, wenn ich über dich schreiben müsste, so anstrengt, wie soll es mir dann noch möglich sein, das ganze kurz zu fassen?

Ich stelle fest, dass ich über dich nicht schreiben möchte, aber das ist nicht gefragt, wenn man mir sagen würde, dass ich über dich schreiben müsste. Also schreibe ich widerwillig über dich, es nützt ja nichts. Und ich fasse mich endgültig kurz. Auf einem kleinen Zettel steht danach zu lesen:

„Wenn man mir sagen würde, dass ich über dich schreiben müsste, dann würde ich mir, nicht für dich, sondern für mich, Mühe geben, Würde zu bewahren. Ich würde deine Doppelmoral kritisieren, ich würde dir sagen, dass du selbstgefällig bist und Freundlichkeit, Aufrichtigkeit und Aufopferung nicht zu schätzen weißt. Ich würde dich fragen, ob du mit dir selbst im Reinen wärst, wenn du dich als Außenstehende beobachten könntest. Ich würde aber keine Antwort haben wollen. Und dann würde ich dich fragen, ob du nicht vielleicht die falschen Menschen von dir zu stoßen begonnen hast, aber auch darauf bitte keine Antwort. Und wenn ich dir etwas ganz direkt schreiben würde, dann wäre das: Du tust mir leid.“

Aber es war nie die Rede davon, dass ich dir geben müsste, was ich über dich geschrieben hätte, und das merkt auch der, der mich zwingt über dich zu Schreiben. Vertragsbruch kommt nicht in Frage, und so behalte ich all das am Ende doch für mich.



© Artwork by 'EvanWilman' (http://evanwilman.deviantart.com/)

Samstag, 28. Januar 2012

Aber immer mit Niveau

„Der Hoden des Aals“, „Lass ma‘ Koks erforschen“, „Ödipuskomplex“, das sind nur einige Titel unseres Sammelsuriums an musikalisch-lyrischen Ergüssen, die unseren überdurchschnittlich ausgeprägten, fantasievollen Hirnen entsprangen, und sich nun auf den Setlisten unserer abendfüllenden Auftritte befinden.

Ich bin Mitglied einer Punkband, Schlagzeuger, eigentlich der Part einer Band, den man für gewöhnlich am wenigsten sieht, nicht aber bei uns, wir sind präsent. Komplett. Nicht zuletzt erreichen wir diese strukturelle Außergewöhnlichkeit durch unsere zahlreichen und vor allem kreativ zum Höchstmaß ausgefeilten Ansagen und Aktionen, durch die wir unser Publikum ständig mit in die Show einbeziehen. Nicht selten zum Leid unseres Auditoriums.
So ist es nicht verwunderlich, dass nicht ausschließlich unsere äußerst attraktiven und vielzählig vorhandenen Groupies den Geschmack unserer Körperflüssigkeiten kennen. Eine Punkband sind wir also, die sich noch ernst nimmt. Aber modern und so. Googlet man heutzutage nach dem Begriff Punkband, so erscheint nicht selten die Frage auf dem Bildschirm: „was gibt es noch für punk bands auser greenday?“ [Anm. 655321: „Diese tatsächlich 1:1 kopierte und vor Rechtschreibung nur so übergebende Frage macht mich wirklich traurig…“]

Nicht mit uns, hier wird noch rebelliert, herumgesockst und „lebe schnell, stirb jung“ dem Hörerohr ans Herz gelegt. Dem geschulten Publikum fällt auf, dass unsere Tracks nicht selten mit dem Namen unserer Band harmonieren. „Sigmunds Freunde“ nennen wir uns, was wir nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken haben, dass unser Bandkeller, der sich als Garage tarnt, der gar wohlhabenden Familie unseres Bassisten Sigmund „Scholle“ Scholz gehört, der besagten Proberaum der Band zur Verfügung stellen konnte, nachdem er damals seine Eltern mit dem Argument überzeugte, dass er entweder durch eine seriöse Punkband zu Ruhm und Reichtum kommen möchte, oder als unseriöser Punk zu nichts. Da Scholles Eltern beiderseits Hochschulen besuchten, war ein Kompromiss schnell gefunden.

Aber auch auf Scholle selbst hatte der Bildungsweg seiner Organspender keinen geringen Einfluss. So beschäftigte er sich früh mit Dingen, wie beispielsweise den Versuch, in diesem Land nicht durch Medien zu verdummen, und mit Philosophie. Dass er dabei irgendwann bei Sigmund Freud hängen geblieben ist, ist offensichtlicher Natur und bildete die Grundlage für den gar humorösen Kalauer, den wir unseren Bandnamen nennen.

Damit man es nicht falsch versteht; nicht nur Scholle ist gebildeter, als unser Ruf als Punkband anmuten mag. Die 4 Köpfe unserer Kapelle, also Scholle, Bassist, Frieda „Fuck“ Pitz, ihres Zeichens Gitarristin, Erik „Herr Meier“ Mondschein, Virtuose am Mikrofon und selbstverständlich ich, Schlagzeuger und oft Songwriter, sind allesamt auf den höchsten Etagen des deutschen Bildungsstandards geschult, weshalb wir oft gefragt werden, warum wir uns eigentlich für die Formation Punkband und nicht etwa Autorenkollegium entschieden haben. „Weils Lauter ist, weil Musik mehr Leute erreicht und überhaupt: Habt ihr ‘ne Ahnung wie wenige Groupies Autoren eigentlich abbekommen?“ lautet dann oft die gewählt betonte Antwort.

Heute Abend haben wir einen Aufritt in einem namhaften Club in einer nicht näher definierten Landeshauptstadt Thüringens, der sich der Musik des Ohrgourmets Punker verschrieben hat. Man kennt sogar schon den Betreiber des Etablissements, sein Name ist Christian, aber vor allem sehr unwichtig, und auch Gage und sonstige Boni wie zum Beispiel Freigetränke für die Band sind bereits abgesprochen und im ausreichenden Maße genehmigt. Es verspricht also ein sowohl qualitativ als auch quantitativ hochwertiger Abend zu werden.

Eine Band unseresgleichen verzichtet selbstverständlich auf Luxus wie einen eigenen Chauffeur, und somit steuert Fuck unseren Tourbus, einen rostenden, alten, aber immerhin mit diversen Spraydosen der Farbe „Pink Blood“ bemalten, ehemals schwarzen Skoda Felicia Baujahr ’97, gen Parkplatz vor dem Ort unseres Verbrechens an das politische System. Auf unserer Fahrt gehen wir natürlich noch einmal all unsere Songs, welche wir heute zum Besten geben werden, durch, natürlich ohne Instrumente, außer, dass ich fleißig auf der Airbagklappe hämmere, Schlagzeuger aus Überzeugung eben, es nützt ja nichts.

Als wir die angestrebte Stadt erreichen, fallen uns die gelegentlich platzierten Gelb-Schwarzen Plakate auf, die durch den Schriftzug „SIGMUNDS FREUNDE, 18. 02. 2012 IM RATTENLOCH, ABENDKASSE 15€“ einem Gemälde Da Vincis gleichkommen. Wir bekommen langsam Appetit auf den Abend und vor allem auf die ersten Alkoholika, die uns in die richtige geistige Ebene erheben, um den Gig so denkwürdig wie nur möglich zu gestalten, also wird Scholle dazu angehalten, das Sixpack zwischen sich und Herrn Meier auf nur noch 2 volle Flaschen zu dezimieren, indem er seinen Charakter durch brüderliches Teilen prophylaktisch den späteren Einlass in die Pforte des Herren zu gewährleisten.

Solidarisch und (a)sozial wie es unser Image als genretypische Band verspricht, wird Fuck natürlich nicht außen vor gelassen und darf fleißig mittrinken, ich halte ihr natürlich, Kavalier der ich bin, die Flasche, sie muss sich schließlich aufs Fahren konzentrieren. Jawohl, was Normen und Werte angeht befinden wir uns auf dem allerhöchsten Niveau.

Einige Straßen und ausschließlich rot leuchtende Ampeln später erreichen wir unser Ziel, selbstverständlich sind wir zu spät vor Ort. Das gehört sich so in unseren Kreisen. Der Clubbesitzer mit seinem unwichtigen Namen empfängt uns freundlich schreiend, purpurrot ist er im Gesicht, was uns denn einfiele ihn warten zu lassen, die Vorband spiele schon, er hat gedacht, er müsse den Hauptact absagen. Fuck wirft dem guten eine der 2 übrig gebliebenen Flaschen des ehemaligen Sixpacks an die Brust, geht zum Eingang und sagt noch ziemlich lässig „Chill ma!“
Über diesen Fauxpas des allgemeinen Sprachgebrauches reden wir noch, junges Frollein…

Wir folgen ihr in den Laden und sehen auf der Bühne ein paar bekannte Gesichter, nämlich die unserer Vorband „Edgar Allans Po“, zweifelsohne Veteranen in spe dieser Musikrichtung. Man kennt sich bereits von diversen Gigs und hin und wieder trifft man sich auch zum privaten… Gedankenaustausch. Nette Jungs.

Nachdem die Publikumsanwärmer ihre Setlist durchgespielt haben wird abgeklatscht. Wir betreten die Bühne und die Menge jubelt und grölt. Auch ein paar Becher kommen nach vorn geflogen, sicherlich möchten die Schützen nur, dass wir unsere Kehlen an Getränken laben, die sie erworben haben. Was für treue und selbstlose Fans wir doch haben.

Es wird, wie man es von uns gewohnt ist, nicht lang gefackelt. Fuck spielt die ersten Riffs auf ihrer Gitarre und ich verprügele das Schlagzeug, als hätte es meine Mutter beleidigt. Herr Meier verlangt einen Moshpit nie dagewesenen Ausmaßes und Scholle zupft den Bass, als gäbe es kein Morgen.

Auch unser Gassenhauer „Ödipuskomplex“ wird heute gespielt, dessen tiefgehende Botschaft ich meinem Publikum selbstverständlich nicht vorenthalten möchte:


„Ach, kleine Elektra, was lief nur verkehrt,
von der Mutter verstoßen, vom Vater begehrt
und trotzdem hast du den Erzeuger verehrt
der so rücksichtlos mit der Tochter verfährt.

Nun, kleines Mädchen, es ist wie verhext,
Grund genug ihn zu hassen, aber Ödipuskomplex.
Und egal was er macht, ganz egal was er tut,
Es macht ja der Papa, und was Papa macht ist gut.

Doch irgendwann junge Dame, dann wirst du versteh’n,
Mama hat dich nicht verstoßen, Mama hatte zu geh’n,
und weil du dich weigertest von ihm zu lassen,
hast du begonnen Frau Mama zu hassen.“


Unser Auftritt endet mit Stagedives von Scholle und Fuck, gewohnheitsbedingt ist das oben bleiben für den weiblichen Part unserer beiden Stagediver dabei wahrscheinlicher gewährleistet, aber heute funktioniert es bei beiden. Nicht selten kam es vor, dass Scholle nach einem Konzert die Aftershowparty gegen einen Besuch des nächstgelegenen Krankenhauses eintauschen musste.

Wir sind die high Society des Bordsteins, wir sind der lebende Beweis dafür, dass das Kombinieren von Bildung und sozialer Abgefucktheit nicht unbedingt in Erfolglosigkeit resultieren muss.
Niveaulos? Bitte. Aber immer mit Niveau.



© Artwork by 'JuanOsborne' (http://juanosborne.deviantart.com/)

Mittwoch, 18. Januar 2012

Rein hypothetisch...

Nur mal angenommen ich könnte es noch,
und nur mal angenommen ich hätte noch ausreichend davon übrig.

Nur mal angenommen ich würde alles, was ich sage, auch so meinen,
und nur mal angenommen, ich wäre kein wirklich guter Lügner.

Nur mal angenommen ich würde auf die Auswahl verzichten,
und nur mal angenommen, ich gäbe mich wirklich mit einer Wahl zufrieden.

Nur mal angenommen ich würde alles daran mögen,
und nur mal angenommen ich könnte schwören, für immer damit glücklich zu sein.

Nur mal angenommen ich fände keine Haare, keine Augen, keine Stimme und keine Art schöner,
und nur mal angenommen mein Sinn für Ästhetik würde sich nie ändern,

dann könnte man doch meinen, ich würde dich lieben, oder?



© Artwork by 'skysell' (http://skysell.deviantart.com/)

Sonntag, 8. Januar 2012

Esperanza

Ein Frühling der keiner ist, es wird nicht wärmer, es ist gleichbleibend kalt, eiskalt. Ein Gewitter, das nicht zur Freude beiträgt, und jeder Bewohner dieser Stadt versteckt sich Zuhause vor der Witterung. Und das ekelt das Mädchen, das da durchnässt in der kleine Hütte auf dem Kinderspielplatz sitzt an. Menschen, die sich vor dem verstecken, was einfach da ist. Oder Menschen, die davor die Augen verschließen. Esperanza hat diese Welt längst begriffen, viel zu früh hat sie viel zu viel begriffen, nur sich selbst begreift sie noch nicht. Esperanza hat Geburtstag und ist gerade 17 geworden.

Die Kälte ist ihr lieber als das, was andere „ihr Zuhause“ nennen, denn damit verglichen ist das Sitzen in dieser nur spärlich bedachten Hütte wie ein Saunabesuch. Sie raucht die dritte Zigarette am Stück, findet Rauchen aber ziemlich scheiße. Wut, jede Menge Wut. Esperanza will zerstören. Diese Stadt, diesen dreckigen Spielplatz, auf dem gelangweilte Jungmütter ihren Kindern am liebsten Triebtätern in die Hand drücken würden -schreien ja ohnehin nur rum, diese Blagen- aber vor allem sich selbst.

Esperanza ist das, was man Scheidungskind in spe nennen könnte. Sie hasst das, was ihre Eltern tun. Eine Beziehung nur noch auf der Basis des Besitzens eines gemeinsamen Kindes. Manchmal fragt sie sich, warum sie überhaupt gezeugt wurde. Kann man nicht einfach, bevor man sich für ein Kind entschließt, feststellen, ob man wirklich bereit ist, ein Leben bis zum Schluss zusammen zu führen? Sie spürt jeden Tag, dass ihre Eltern weder ehrlich zu sich, zum anderen Elternteil oder zu ihr sind, und das widert sie an. Wenn selbst die eigentlich direkten Bezugspersonen ihr auf diese Weise vermitteln, dass Lügen und solche Leben durchaus legitim sind, wie soll sie sich dann noch auf ihr Leben freuen? Und genau das fehlt ihr. Freude.

Und auch wenn Esperanza langsam die trockenen Zigaretten ausgehen, eine muss noch, mindestens eine. Ist zwar scheiße, geht aber nicht anders. Und sie denkt an ihren Vater, der Mann, der so gerne Überstunden macht und so oft Kollegen nach der Arbeit besucht. Wenn er dann irgendwann des Nachts wieder nach Hause kommt gibt er Esperanza manchmal noch einen Kuss und wünscht ihr eine gute Nacht. Esperanza wäscht sich danach immer ganz intensiv das Gesicht. Ihre Mutter ist nicht besser, aber durch ihre Nachlässigkeit auf eine skurrile Art ehrlicher. Nicht nur einmal hat Esperanza mitbekommen, dass sich ihre Mutter in den eigenen vier Wänden geholt hat, was sie ihrem Mann nicht mehr geben möchte. Als das zum ersten Mal vorkam hat Esperanza gelernt, dass keine Kopfhörer laut genug sind, um das zu übertönen, was in ihrem Kopf vorgeht. Irgendwann später an diesem Tag hat ihre Mutter sie angelächelt und Abendessen gemacht. Esperanza hat nicht gelächelt, und auf die Frage, was denn los sei, antwortete das junge Mädchen nur damit, dass es derzeit in der Schule etwas stressig sei. Hat man ja mal. Und das war zum Teil gar nicht mal gelogen. Sie lügt ohnehin ungern. So sehr sich ihre Eltern auch bemühen, sie weigert sich diese Lehre aufzugreifen und zu verinnerlichen.

Nach der 5. Zigarette stellt sie fest, dass ihr Weg sie heute nicht mehr nach Hause führt. Hat sich ohnehin nie wie ein Zuhause angefühlt. Nur wohin? Erst mal losgehen, da findet sich schon was. Der Weg weg ist das Ziel. Und so verlässt sie den alten Spielplatz. Es stürmt, der eiskalte Wind schmerzt ihrem Gesicht, aber diese Stadt schmerzt ihrem Leben, und deswegen hat sie auch diese bald hinter sich gelassen. Weiter, immer weiter, bloß weg hier, alles hinter sich lassen. Nicht einmal zurück denken. Auch wenn ihr bald jeder Schritt schwerer fällt, weil sie sich vor Kälte am liebsten einfach auf den Boden fallen lassen würde, sie geht weiter.

Am Rande einer Landstraße kann sie nicht mehr. Keine Reserven, unmöglich sich noch weiter fortzubewegen, sie läuft seit Stunden. Am ganzen Körper zitternd, die Arme zum Wärmespeicherversuch fest verschränkt, gebückte Haltung. Nicht mehr lange und sie bräche zusammen, als da neben ihr ein Wagen anhält und der zum Beifahrersitz herüber gebeugte Besitzer des Automobils die Beifahrertür öffnet. „Komm rein, du holst dir ja den Tod da draußen!“

Und was hat sie schon zu verlieren, also wird nicht lang überlegt und Esperanza steigt ein, der Wagen fährt weiter und sie mit ihm.
„Was machst’n du hier draußen so alleine?“
„Ich… ist egal, ich will nur weg hier.“
„Einfach so? Weiß jemand davon? Wie heißt du eigentlich?“
„Ich habe meine Gründe, und nein, niemand weiß davon, und wenn du mich verpfeifst oder so lauf ich einfach wieder weg, denk also besser gar nicht dran. Ach ja und Esperanza heiß ich. Und du?“
„Keine Sorge, hatte ich nicht vor… Und: Sag einfach Lobo.“



© Artwork by 'lolita-art' (http://lolita-art.deviantart.com/)

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Und du so: „Ich liebe dich“ und ich bin so „Oh.“
Erst mal perplex, hätte ja keiner ahnen können. Der Gedanke was daraus werden könnte gefällt mir aber besser, als das, was derzeit ist. Deswegen erscheint es als das klügste in das Boot einzusteigen. Darauf lass‘ ich mich ein, du bist hübsch, du wirkst lieb und freundlich, ich habe Zeit, Lust und außerdem bin ich jung. Optimal.

Und dann verlieb‘ ich mich, wie das so ist. Ich „opfere“ Zeit, was mehr Spende als Opfergabe ist. Man tut es ja gerne und man hat auch was davon. Ich bin gerade nicht arm, kann dir also auch etwas bieten, nicht viel, aber immerhin!

Und dann kommt eine schöne Zeit, so mit Schmetterlingen im Bauch, die in die Triebwerke von den ebenfalls anwesenden Flugzeugen gezogen werden und in kleine rosarote Teilchen geschreddert werden. Wow, abgefahren, wie auf ‘nem Trip. Da fühlt sich alles viel besser an. Die schlechten Dinge wie „Is‘ doch nich‘ so wild!“ und die guten Dinge wie „Aua. Meine Grinsemuskeln im Gesicht bringen mich um!“

Bisher gehe ich da voll mit. Macht doch Sinn, so’n Trip. Und weil du so lieb bist, gebe ich mir natürlich mühe auch so zu sein, oder noch mehr, weil du’s verdient hast. Dann punktet man mit „Bleib ruhig sitzen, ich hol’s dir“ oder gut gewählten Geschenken zwischen durch. Mal die Lieblingsblume, mal was zum Vernaschen, irgendetwas Niedliches. Sie kennen das. Und plötzlich ändert sich da was.

Auf einmal wird es langweilig, es kriselt viel zu wenig, Perfektion funktioniert nicht, weil es ohne Unvollkommenheit keine Perfektion gibt. Und auf einmal wird dir langweilig. Kann doch nicht sein, dass sich jemand permanent Mühe gibt. Der Typ ist nett zu dir, egal was du tust. Der ist ja verliebter, als du je warst. Nein, so geht’s nicht, da muss man was machen! Und es kriselt auf einmal, weil es so wenig kriselt.

Oh weh, du bist unglücklich, dagegen muss etwas getan werden! Vielleicht war ich nicht nett genug zu dir? Zulange keine Präsente? Habe ich dich etwa doch einmal selbst aufstehen lassen, sodass du dir deine Himbeerbrause selbst hast beschaffen müssen? Ich muss also aufholen. Jetzt ganz lieb, ganz selbstlos, Blumen habe ich auch dabei.

Die Blumen nimmst du an, aufstehen darf ich auch für dich, freundlich sein sowieso. Ich darf dich auch streicheln, massieren, und vor allem in Ruhe lassen. Nur selbst erwarten darf ich nichts. Aber passt schon, bin ja selbstlos für dich.

Und jetzt bist du vollkommen daran gewöhnt, dass ich dich liebe. Und du nimmst, aber wenn ich frage, ob du auch bitte wieder etwas geben würdest, dann sagst du „Das ist doch dumm, wenn ich irgendwas für dich tu, wenn du es mir gerade gesagt hast. So etwas muss aus freien Stücken kommen!“ Und das akzeptiere ich natürlich. Und ich warte darauf, und das sehr lange.

irgendwann tut das Warten dann richtig schön weh. Und lebensmüde wie ich bin, riskiere ich eine weitere Ansprache. Ich diskutiere dir zu viel antwortest du darauf, und auf all meine Wünsche hast du sehr gute Gegenargumente parat. Aber ich soll bitte recht freundlich bleiben und das ganze mitmachen. Wenn ich nur etwas weniger verlange, dich etwas mehr in Ruhe lasse und etwas weniger präsent bin, dann wird das schon, so viel ist sicher.

Als ich dann eine Weile still war, dir deinen Freiraum gegeben habe und überhaupt nichts mehr verlangt habe, hast du beschlossen, dass es wohl das Beste für dich ist, auf mich zu verzichten. Macht Sinn. Wir können ja Feinde bleiben. Und wie sich herausstellt: Immerhin das klappt einwandfrei!

Kosten-Nutzen-Analyse - und ich frage mich: Lohnt sich das?

Samstag, 24. Dezember 2011

Heiligmorgen mit Harvey
oder:
Die kleinen Dinge II

Wir beide sind die wahren Romantiker unserer Zeit, das Wissen darüber teilen wir aber nicht mit jedem Dahergelaufenen. Undenkbar wie hoch das weibliche Interesse an uns wäre, würden wir unserem Sinn für Romantik permanent zeigen. Nein, wir genießen unser bescheidenes Leben und die selbstverständlich von uns hundertprozentig freiwillig gewählte Zurückhaltung unserer andersgeschlechtlichen Mitmenschen.

Wir wissen die Feste immer noch zu feiern, wie sie fallen, denn im Fallen kennen wir uns besonders aus. Und es ist Weihnachten, kalendarisch handelt es sich zwar gerade einmal um die ersten Stunden des 24. Dezembers, Heiligmorgen, wenn man so will, aber das nimmt uns nicht den Anlass, einmal mehr das Lokal unseres Vertrauens mit einem Besuch zu beehren.
Da unser Budget allerdings unter unseren spendablen Seelen zu dieser Festzeit gelitten hat, wird es kein exzessiver Abend/Morgen werden, wir gehen es ruhig an, auf die Frage der Bardame, was es denn geben dürfte, fällt dann schon mal vornehm und dezent der Satz „Bitte einfach das billigste Bier aus ihrem gehobenem Sortiment“.

Viel faszinierender als das Sammelsurium der auf der Getränkekarte befindlichen Namen der multikulturellen Alkoholika finden wir heute allerdings die gar besinnliche Weihnachtsdekoration des Lokals der Arbeiterklasse. Als kurzer Einwurf an dieser Stelle sei schuldbewusst angemerkt, dass wir zwar durchaus zur Arbeiterklasse gehören, es mit dem dazugehörigen Enthusiasmus aber nicht immer so genau nehmen. Man muss schließlich noch einige Jahre aushalten, wenn man noch so jung und schön ist wie wir, da ist es wichtig ausreichend Schlaf und Schonung zu beachten. Nicht auszudenken, würden wir unsere potentiell athletischen Körper jetzt schon irreparabel schinden.

Zurück zur Bühnenausstattung dieser Barkulisse, welche sich als kleiner Kranz um einen Flaschenhals, in welchem sich wiederum rote Stielkerzen befinden, darstellt. Da wurde an Authentizität nicht gespart. Spitze Überreste von Nadelbäumen machen den Großteil der kleinen Kränze aus, eine kleine Christbaumkugel hängt auch noch daran, und da kommt in uns beiden die Ideenschmiede ins Glühen.
Wie schön waren die Zeiten, bevor sich Spiele mit Fachbegriffen wie „Headshot“, „Frag“ oder „Fatality“ abspielten, also tun wir abermals was getan werden muss, wir nehmen unsere Pflicht als die um Untergrund agierenden Retter der Welt war und erfinden ein kleines Gesellschaftsspiel.

Wir arbeiten mit den im Lokal gegebenen Ressourcen, welche an dieser Stelle kurz aufgelistet werden sollen. Wir verfügen über diverse freundlich und vor allem unfreiwillig vom Etablissement gesponserte Packungen Streichhölzer, durch einen kleinen Versuch als äußerst brennbar befundene Nadelbaumerzeugnisse und der uns gegebenen Kerze in der Flasche.

Das Regelwerk ist schnell erstellt. Es gilt, nacheinander ein Streichholz oder wahlweise ein Stück Nadelbaum auf die Kerze zu legen, ohne, dass der Docht erlischt beziehungsweise bereits dem Wachs auferlegtes Heizgut zu Boden beziehungsweise Tisch fällt. Füchse der Disziplin Gesellschaftsspiel erkennen zweifellos, dass es sich hierbei um einen Hybrid aus den Spielen Jenga, Risiko und Mikado handelt, eine Prise Pyromanie ist bei genauerer Betrachtung des Regelwerkes durch aufmerksame Zuschauer und Mitspieler aber auch festzustellen.

Todesmutig beginnen wir mit dem ersten Prototypentest unseres wahnwitzigen Spieles für die ganze Familie und legen die ersten Streichhölzer und Nadeln auf die Kerze, welche besinnlich knistert und zur Freude des Tages glücklich zu flackern scheint. So viel materielle Zustimmung kann kein Zufall sein, also nehmen wir unsere Arbeit noch ernster und setzen das Testen fort.

Bald stellt sich heraus, dass wir in diesem noch so jungen Spiel Naturtalente sein müssen, ja, nur so kann es sein, denn nichts fällt und auch die Flamme der Kerze erlebt die dynamischste Zeit ihres Lebens. Da wir bei unserem Debutversuch aber an Aufmerksamkeit nicht zu sparen gedenken, fällt unschwer auf, dass sich die Lebenszeit des sehr vergänglichen Beleuchtungsverschleißgegenstandes drastisch verringert, ja, dass sie gar rasant ihrem Ableben entgegen brennt, dabei ist bisher kein Gewinner gefunden, und wir sind die Elite der Sportsgeistbesitzer und dürfen nicht zulassen, dass aus diesem Spiel kein eindeutiger Pokalbesitzer hervorgeht.

Da wird gezittert, angespannte Gesichter starren auf die Kerze und noch angespanntere Hände konzentrieren sich auf das fehlerfreie Einhalten des Regelwerkes. Wenige Sekunden, bis die Kerze ihr Lebensende erreicht hat und langsam macht Panik die Runde. Ein bisschen könnte man die Situation mit dem Ende einer Runde Schach vergleichen, bei welcher beide Spieler nur noch über einen König verfügen. Ein kluger Kopf gab einst den klugen Satz „Kings can't checkmate each other“ von sich, was auf uns nicht sonderlich beruhigend wirkt, da wir zweifellos die Könige dieser Nacht darstellen, bei dem schier selbstlosen und lebensbedrohlichen Versuch, der Menschheit ein neues Gesellschaftsspiel zu erdenken.

Doch plötzlich geschieht das ernste Wunder des mystischen Tages, nicht die heiligen drei Könige mit Myrrhe, Weihrauch und Gold kommen des Weges, nein, viel nötiger als diesen Plunder haben wir in diesem Moment neue Spielausrüstung, und da naht womöglich die Rettung, an die schon niemand mehr zu glauben wagte. Die Bardame kommt an unseren Tisch und sieht unsere Projektarbeit. Nachdem sie fragt, um was es sich dabei wohl handelt und wir es ihr ausführlich erklären, allerdings um Zurückhaltung eventueller Patentanmeldungen bitten, steht sie unserem Prototypen plötzlich sehr skeptisch gegenüber, schaut uns zwei Märtyrer noch skeptischer in die Gesichter und fragt, eindeutig mit Zweifel gegenüber unserer Zurechnungsfähigkeit in der Stimme, ob sie uns noch etwas bringen darf.
Ich ergreife meines Amtes waltend das Wort, und bitte die junge Maid freundlich um unseren Herzenswunsch. „Eine neue Kerze wäre nicht schlecht!“

Die Geschichte der Welt ist, wie wir alle wissen, auch von Verlusten der Menschen geprägt, die nur Gutes im Sinn hatten, und so sei ein kleiner Sprung unternommen, und ob des zwischenzeitlichen Geschehens lediglich erwähnt, dass die Dame und, wie sich herausstellte, auch der dazu geholte Besitzer des Lokales nicht von unserer Idee überzeugt waren, und unser Wunsch nach einer weiteren Kerze nicht erfüllt wurde. Gar der Örtlichkeiten verwies man uns, selbstverständlich erst, nachdem man uns für unsere Getränke zahlen lies. Dass auf der späteren Wikipediaseite unseres Spieles definitiv nicht mehr erwähnt wird, in welchem Lokal die Grundidee unseres Spiels unserer Weisheit entsprang steht nunmehr natürlich außer Frage.


655321 wünscht all seinen Lesern eine besinnliche Weihnachtszeit.