Freitag, 17. April 2020

Neun

Neun – Und lass mich durchzählen:

Eins.
Weird but nice. Irgendwo muss man ja anfangen. Und für den Anfang war das nun wirklich nicht schlecht. Anspruch durfte man nicht haben, was dann ja nun auch der Grund war, warum weitergezählt wurde, aber ich bin mir sicher, man kann schlimmer beginnen. Und heute ist das alles längst vergessene Geschichte. Aber die Basis ist ja bekanntlich der Grundstein aller Fundamente und auf diese Steine können Sie nun wirklich bauen, ein Slogan, den dann auch der beste Freund meines Bruders zu beherzigen wusste. Hurensöhne. Alle beide.

Zwei.
Jesus Christus. Wilde Zeiten. Und bis heute eine wilde Zahl. Mit dem Kopf durch die Wände, weil eine allein dich wohl kaum aufhält. Und wenn du doch mal in die Knie gehst, dann fragst du mich und das freut mich immer und immer wieder. Die Schwester, die ich nie hatte. Die Schwester, die ich hätte sein sollen, wenn mit Sabrina nichts schief gegangen wäre. But here I am, es nützt ja nichts. Aber gut für dich und mittlerweile auch für mich, zwei Hände voll Therapie bringen ihr Übriges.

Drei.
Früher: Fall tot um.
Heute: Flieg von mir aus, aber außerhalb meines Sichtkegels. Du bist endlich egal

Vier.
Ich wünschte, ich wäre größer, damit ich dich höher halten kann. Für eine natürliche Zahl bist du unnatürlich wundervoll. ℕ verdient dich nicht. Ich schon gar nicht. Aber dir wünsche ich das Beste. Und für alles, was ich dir antat – vielleicht nehme ich mich da wichtiger, als ich es verdiene – flehe ich anhaltend um Verzeihung. Denn du verdienst, vergöttert zu werden. Aber manche Dinge lernt man eben auf die harte Tour und erst, wenn man seine Chance verspielt hat. Anyway: Go big!

Fünf.
Verflucht seist du, gutes Feuerwerk zur falschen Zeit. Aber so ist das eben offenbar manchmal. Steckste nich drin und am Ende eben doch. Ärgerlich, aber es macht dich aufwachen. Dass das eben doch am Ende einfach nur eine Sache ist. Für diese Erkenntnis: Danke. Für den Reste: Haken dran.

Sechs.
Ich wünschte, du wärest reifer gewesen, aber was verlange ich da von einer Zahl, die mit „nochmal“ konnotiert ist. Aber ich will dich gar nicht schlechter machen, als du warst. Da war viel Schönes dabei, auch du selbst. Und natürlich auch Unnötiges. Aber diesen katastrophalen Abgang, den hättest du dir nicht nur sparen können, sondern müssen. Und deswegen ist es okay, dass es ein zweites Peano-Axiom gibt. Trotzdem: No hard feelings, einen Chupa Chup auf dich!

Sieben.
Eine Erfahrung. Es gab genug Gründe gegen dich und es hätte keinem weh getan, auf einen davon zu hören. Aber es tat eben auch so nicht weh. Schön ist anders, kann man deuten, wie man möchte. Ich denke, der Begriff Nullsummenspiel ist hier für zwei Underdogs das Bullseye. Und Sport war noch nie so meins.

Acht.
Für deine offensichtliche Unnötig- und wichtigkeit warst du doch sehr gut für die Erkenntnis, dass Augenhöhe eine zentrale Rolle spielt. Mein schwaches rechtes Auge reicht nicht, um zu erklären, dass du da unten kaum sichtbar warst. Ich möchte dir gar nicht zu nahe treten – aus nachvollziehbaren Gründen – aber ich verkaufe mein Auto doch auch nicht mit „Ja gut, zum Fahren reichts.“. Kein Wunder, dass da niemand einsteigen möchte. Und Stichwort Verkehr: Ich würde mich nicht trauen, mit diesem Insassenrückhaltesystem vor den TÜV zu treten, da würde ich zeitnah was machen lassen. Aber mach, wie du denkst. Und überhaupt: Sieh nur, auf wie viele Zeilen du es trotzdem gebracht hast! Way to go!

Neun.
Ich bin froh, dass doch einige Zahlen vor dir kamen. Nicht alle. Manche trotz bestem Willen nicht. Aber zählen macht Zeit vergehen. Und mit ein bisschen Glück vergeht nicht nur Zeit, sondern es passiert auch Reife. Und vielleicht nimmt man sogar die ein oder andere Weisheit mit. Und deswegen springt jetzt erstmal kein Schaf mehr über Traumzäune. Und das ist endlich okay.


»You can hope it gets better, you can follow your dreams
But hope is for presidents and dreams are for people who are sleeping«


- AJJ – People II 2: Still Peoplin’




© Artwork by 'alexandra-mainea ' (https://www.deviantart.com/alexandra-mainea)

Donnerstag, 19. September 2019

Schwellenwert

»Try a little, work a little
be a little bit more for me«


Trentemøller - Try a little



Stream of Consciousness, das ist doch, womit alles beginnt, nicht?
Die schlimmste Tat, die man einem Menschen antun kann, ist - einmal abgesehen von Waterboarding - doch immer noch die Konfrontation mit dem Ich des Präteritums.
Und was würden wir nicht alles anders tun. Wir würden rechtzeitig wissen, das Beste, das uns jemals passiert ist, entsprechend zu wertschätzen, dem „the Horror, the Horror“ à la Marlon Brando rechtzeitig den Rücken zu kehren und direkt die Wege einzuschlagen, für welche wir gemacht sind.
Aber so läuft die Sache nicht. Im Gegenteil. Zu leben heißt zu scheitern. Und auch hierbei muss ich meinem früheren Ich widersprechen: Scheitern ist keineswegs das Ende. Scheitern als Chance.
„Und wir scheitern immer schöner“, hat einmal ein Mensch geschrieben, welchen am Ende der Kausalkette auch diese Zeilen zu verdanken sind. Heute bin ich der Meinung, einen flüchtigen Blick darüber erhascht zu haben, was dieser Satz bedeuten könnte.
Aus dem Jungen, der keine Richtung und kein Ziel hatte, der der Meinung war, weder noch zu verdienen, ist ein Mann geworden, welcher der schlimmsten aller Illusionen zum Opfer gefallen ist, welche sich einzugestehen er aber bis heute zu stolz ist: Hoffnung.
Aus dem „Alles war furchtbar“ wird zunehmend ein „alles könnte gut sein“, auch wenn die Mitbringsel aus dem unperfekten Perfekt gerne ein fatales Futur bewirken wollen.
Was hilft, ist damals wie heute die Axt. Here’s Johnny, Bitches! Auch wenn mir kaum etwas mehr Angst macht, als fehlende Gliedmaßen, weiß ich heute:
1. Angst brachte zwar deinen Vorfahren etwas, aber deine Vorfahren haben dich verkrüppelt.
2. Ein Bein, das dich nicht trägt, sondern lahmt, gehört ab. Das hat selbst House begriffen, und jetzt verrate mal deine Spirit Animals nicht.
Und ich habe gehackt. Eine Dekade und viele tragische Verluste zu spät, aber ankleben is‘ nich. Was bleibt, ist Konsequenz. Wenn du dir selbst nicht mehr treu bist, dann fällt die letzte Bastion. Dann bleibt nur Selbstmitleid, und Selbstmitleid ist das Einzige, das noch erbärmlicher ist, als das Mitleid anderer.
Und jetzt? Weitermachen?
Das wird - wie immer - die Zeit zeigen. Manche sagen, schreibe jeden Tag einen Satz. Manche sagen, lass gut sein, was vorbei ist, ist vorbei.
Aber für mich ist und war immer klar:
Kein Abgang ohne Schwanengesang.
Und das ist ein Versprechen.





© Artwork by 'ZEUS1001' (https://www.deviantart.com/zeus1001)

Samstag, 26. November 2016

MCMXC

»An einem Schreibtisch entsteh'n Gedichte und Genozide
Wenn man genau schaut, steckt in allem guten was negatives
Die schönsten Sachen sind noch tödlicher als nötig
Wenn man genau schaut, steckt in allem guten was böses«

Herr von Grau - Gedichte und Genozide


Ein Einzelkind soll Christian nicht bleiben, beide wünschen sich ein Geschwisterchen für den kleinen Stolz der Familie. Außerdem weiß Ellen wie es ist, als Kind allein zu sein. Dass das eine Grundlage für den Wunsch eines weiteren Kindes ist wird sie sich jedoch nie eingestehen. Detlef hat auch nichts gegen ein weiteres Kind mit ihr, zu stolz ist er auf den kleinen Christian und seine Ellen liebt er auch genug dafür. Also wird Ellen noch einmal schwanger.


Ellen hat zwei Brüder. In ihrer Kindheit waren die elterlichen Rollen klar verteilt. Ellens Vater kümmerte sich um den ältesten Sprössling, ihre Mutter war für den nächstgeborenen Bruder verantwortlich und als Ellen das Licht der Welt erblickte waren die frei zur Verfügung stehenden Elternteile bereits vergeben. Aber einen Großvater hatte Ellen, zwar durch die Erfahrungen von Krieg und russischem Gulag gezeichnet, trotz dieses Umstandes sehr liebevoll zu der kleinen Ellen. In ihm fand sie eine Bezugsperson, wenn Mama und Papa sich schon nicht ausreichend verantwortlich für sie fühlten.

Was Ellens Vater trotz der Distanz zu seiner Tochter sehr gut konnte, war, sie in ihrer freien Entfaltung einzuschränken. Das kleine Mädchen einfach so zu Freunden gehen lassen, wenn man nicht jederzeit nachschauen kann, was da so vor sich geht oder sie gar zu irgendwelchen Feiern zu lassen kam nie in Frage und wehe Ellen wagte es, sich ihrem Vater zu widersetzen. Natürlich hat sie seine Grenzen auf die Probe gestellt aber in den Sechzigern und Siebzigern war häusliche Gewalt noch ein ganz anderes Thema und so lernte Ellen schnell, dass sie sich dem Willen ihres Vaters besser beugt, so wie es ihre Mutter ebenfalls tut. Ellens Vater war ein Tyrann, der das Patriarchat verstand. Und so wusste Ellen, wenn sie eines Tages den Fängen ihres Vaters entflieht, dann möchte sie irgendwann einmal eine Tochter haben und alles besser machen. Frei soll sie sein und glücklich und lieb soll sie ihre Mama haben und Constanze soll sie heißen, ja, Constanze.


Am Ende der achtziger Jahre bekam man als Frau, bei der eine Schwangerschaft festgestellt wird, noch nicht sofort angeboten, das Geschlecht des Kindes zu erfahren. Entweder ließ man sich überraschen oder man erfragte eine entsprechende zahlungspflichtige Untersuchung. Ellen und Detlef sind sparsame und genügsame Menschen, also entscheiden sie sich dafür, sich überraschen zu lassen.

Natürlich hofft Ellen, dass sie nach Christian nun endlich ihren Wunsch nach einer Tochter erfüllt bekommt. Christian soll später einmal immer auf sie aufpassen, schließlich kann es doch so toll sein, einen großen Bruder zu haben, der einen schützt und aus Problemen herausboxen kann. Mehr als zwei Kinder möchte Ellen nicht haben. In ihr schlummert die Angst, eines ihrer Kinder könnte dasselbe Schicksal ereilen wie ihr und ein weiteres Kind könnte sich wie ein überflüssiges Wagenrad fühlen. Diesmal würde es keinen Großvater geben, der für ein drittes Kind verantwortlich sein könnte. Jedenfalls keinen, dem Ellen die Obhut eines Kindes anvertrauen würde, außerdem ist Ellen nachdem sie alt genug war, weit genug von ihrem Elternhaus weggezogen, um diese Situation gar nicht erst zu ermöglichen. Im Streit ging sie allerdings nicht, denn auf eine Konfrontation mit ihrem Vater hätte sie sich niemals eingelassen. Weder ist sie besonders streitlustig, noch mutig. Dieser Mann hat Frau, Kinder und sogar Schwiegervater geschlagen und tyrannisiert, nicht auszudenken, was er mit ihr anstellen würde, würde sie sich gegen ihn auflehnen. Ellen versteckt also ihre Wut auf ihre Familie und gelegentlich besucht sie ihre Eltern und Brüder, die sich selbst nie sonderlich weit von dort entfernt haben, sogar.


Christian wird nie auf sein Schwesterchen aufpassen.
Ellen weiß nicht einmal, ob das Kind, das sie da soeben verloren hat, überhaupt ein Schwesterchen geworden wäre. Was sie da erkennt ist nur ein blutgetränkter Zellhaufen, den sie hinter tränendurchtränkten Blicken ohnehin nur verschwommen sieht.
Aber sie wird es wieder versuchen, Christian soll dennoch kein Einzelkind bleiben und Ellen verdrängt ihre Trauer in einer weiteren Schwangerschaft. Wie man verdrängt hat sie bereits in ihrer Kindheit meisterlich gelernt.

Eines Tages stürzt die im sechsten Monat schwangere Ellen eine Treppe im Hausflur herunter. Zuerst ist ihre Sorge um ihr ungeborenes Kind groß, schließlich hat sie schon einmal ein Kind verloren ohne dazu gestürzt zu sein. Später wird sie diesen Vorfall eher scherzhaft erwähnen, denn ihr Kind wird davon unbeschadet drei Monate später zur Welt kommen.

Und so reicht man Ellen eines Mittwochs im Oktober 1990 ihr neugeborenes Kind und Christian bekommt sein Geschwisterchen. Und Detlef ist stolz auf sein jüngstes Kind. Nur Ellens Gesichtsausdruck hat etwas Merkwürdiges an sich. Sie freut sich ebenfalls sehr über das neue Kind, aber dass es ein Junge ist hat sie nun einmal auch gemerkt.

Also verwirft sie den Namen Constanze und hält plötzlich einen Andreas in ihren Armen.

Mich.




© Artwork by 'MD-Arts' (http://md-arts.deviantart.com/)

Freitag, 4. März 2016

Du und die Worte fehlen

Ich höre beim Schreiben immer Musik und ich würde jetzt eigentlich gern das Lied hören, das mich nun für immer an dich denken lässt, aber mit feuchten Augen schreibt es sich so schlecht.  Um ehrlich zu sein habe ich das Lied, nach dem Tag, an dem ich es das erste Mal hörte, wenn auch an diesem einen Tag noch sehr oft, anschließend nur noch einmal gehört.  Keine Sorge, die Wirkung war, auch Monate später, immer noch dieselbe.

Mir fehlen noch immer die Worte, auch wenn die Wut dem Versuch zu verstehen gewichen ist. Das soll keine Entschuldigung, eher eine Erklärung dafür sein, dass ich fast ein halbes Jahr brauche, um das hier zu schreiben.

Der Plan war, noch ewig weiter mit dir das Chaos anzustellen, für das wir in Kombination berühmt waren, seit wir etwa 15 waren. Mir war auch egal, dass es seltener wurde, seit uns einige Kilometer mehr als früher trennten, denn wenn wir aufeinander trafen war es, als hätten wir keine Sekunde ohne einander verbracht. Da war blindes Verstehen, so als wärst du der Bruder gewesen, der mir immer verwehrt geblieben ist.

Du warst bereits auf der imaginären Gästeliste für meine eventuelle Hochzeit mit wem auch immer, genau so sehr wie du am Abend meiner noch viel eventuelleren Scheidung mit mir in einer heruntergekommenen Bar gesessen hättest, wie wir es gern taten, wenn ich dich besuchte.  Aber nicht nur das, nein, du warst fester Bestandteil meiner gesamten weiteren Lebensplanung.

In unserem Alter hat man nicht zu gehen, dafür sind alte Menschen da, alte, kranke Menschen, deren Gehen sich über Monate ankündigt. Du warst nicht alt, du bist jünger als ich, keine 25 waren es, und ich habe immer noch keine Ahnung, wie Worte dem gerecht werden sollen, was ich seitdem fühle, ich bin nicht zufrieden  mit meinem Versuch, aber noch länger warten, mich endlich zu äußern, kann ich auch nicht.

In vielen meiner Texte hast du immer wieder eine Rolle gespielt und es ist furchtbar, dass das genau so abrupt aufhört, wie die Möglichkeit, mir dir zu reden, zu lachen, zu diskutieren, zu lästern, all das zu tun, was wir immer taten, seitdem wir uns kannten.  Ich vermisse sogar deine Unfähigkeit, gegen mich zu verlieren, wenn wir spielten, deine Uneinsichtigkeit, wenn ich Recht hatte und deine unzähligen Versuche, mich von Serien und Filmen zu überzeugen, an denen ich, oft zu Unrecht, kein Interesse zeigte. Ich vermisse alles an dir. Ich habe dich geliebt. Ich tu’s immer noch und ich werde es immer tun. 

Ich wünschte, meine Freundschaft mit dir wäre ausreichend gewesen, um dich hier zu behalten. Offenbar sagt man sich aber eben trotz einer so innigen Beziehung wie wir sie hatten nicht alles, vielleicht war es dafür aber auch einfach schon zu spät. Ich habe es mit Schuld- und Wutzuweisungen versucht, beides hat nicht geholfen. Wut und Schuld füllen nicht, was dein Verlust aufgerissen hat.

Das alles hier ist noch kürzer, als ich befürchtet habe, aber ich bin mir sicher, du verstehst, warum. Ich schaue oft zu dem Bild von dir an meiner Wand, von dem du mich anlächelst und zu dem ich dir einen melancholischen Blick zurückwerfe, wenn ich an dich oder etwas denke, von dem ich sicher bin, das wir darüber gelacht hätten, ich klammere mich einfach an den Gedanken fest, dass du vielleicht, auch wenn ich nicht an so etwas glaube, doch von irgendwo auf mich herabschaust und lächelst. Ich möchte nicht kindisch sein, aber eine schöne Vorstellung ist es allemal.

All das zu begreifen und damit zu leben wird wohl noch sehr lange dauern. Ich hasse mich ein wenig dafür, dass diese viel zu wenigen Worte nicht die Qualität innehaben, die ich für dich gern geben würde, aber ich hoffe der Grund dafür  ist nachvollziehbar.

Ich schwöre, ich komme dich besuchen sobald ich kann, vielleicht bringe ich auch das Lied mit. Ich möchte weinen, wenn ich bei dir bin, eigentlich möchte ich immer weinen, wenn ich an dich denke, mir ist, als sei es das Mindeste, was ich tun kann, um dir zu zeigen was du mir bedeutet hast.

ich wünschte diese Geschichte, die keine ist, hätte ein Happy End, wie es alle hatten, in denen du vorkamst, wie es jeder Tag hatte, den ich mit dir verbringen durfte.  Ich werde dich nie vergessen, das, verspreche ich dir. Du warst der Beste, danke für 10 wundervolle Jahre, die ich mit dir verbringen durfte. Wenn ich eines Tages nachkomme, werde ich zuerst nach dir fragen und ich bin mir sicher, darüber würdest du wieder so wunderbar liebevoll-verschämt lächeln, wie es nur du konntest.


Ich liebe dich und ich vermisse dich, und was mir von dir geblieben ist werde ich hüten wie einen Schatz.

Ich habe das Lied am Ende doch noch gehört. Meine Augen sind noch ziemlich rot, aber die Erinnerungen, die es in mir weckt sind es wert.

Bis ich endlich bei dir bin wirst du immer bei mir sein.

Auf Wiedersehen geliebter Freund, goodbye „Harvey“.




© Artwork by '00AngelicDevil00' (http://00angelicdevil00.deviantart.com/)

Mittwoch, 17. Februar 2016

Das Licht

Als ich dich abholte war es sogar ein wenig wie beim ersten Mal als wir uns allein trafen. Dieselbe Schüchternheit, gleichzeitig aber ein Gefühl der Gewissheit was kommen würde. Wir sind nach Hause gelaufen, natürlich hätten wir fahren können, aber nach all der Zeit gab es viel zu sagen, deswegen waren wir beide einverstanden, dass ein Spaziergang zu Beginn wohl nicht die schlechteste aller Ideen sei.

Im Dunkeln des Abends strahlt mich ein grellendes Weiß an, ich spüre ein kurzes Beben.

Ich frage nicht, warum du zurückgekommen bist, ich will nicht riskieren, dass du dich umentscheidest und wieder gehst. Schlafende Hunde soll man nicht Wecken, so wie man Glück nicht auf die Probe stellen sollte. Wir lachen zum ersten Mal seit damals wieder zusammen. Ich habe schon früher nicht fassen können, wie jemand wie du über meinen Humor lachen konnte, aber du tust es immer noch und nicht nur das weckt in mir dieselben Gefühle wie damals. Ich dachte die Stimmung des ersten Wiedersehens sei deutlich kritischer, aber auf kritische Stimmung hast du gar keine Lust, ich bemerke sogar ein kleines Lächeln auf deinen Lippen, welche nichts an Schönheit verloren haben, selbst dann, wenn wir einen Moment nicht reden oder es gar nichts zu Lächeln gibt. Man sieht dir an, dass du glücklich bist und dass ich mitlächeln muss und mindestens genau so glücklich bin ist sicher nicht nur meinen Spiegelneuronen zu verschulden.

Ein weiteres Beben. Warum möchte das weiße Licht einfach nicht verschwinden? Ich will kein Licht am Ende des Tunnels, mir gefällt das Schwarz, von dem ich nicht weiß, dass ich mich darin befinde.

Als wir ankommen, halte ich dir die Tür auf und du wirfst mir dieses Grinsen zu, das mich schon immer schwach zu machen wusste. Du gehst die Treppe vor mir hoch. Ich weiß nicht, ob mir jemals die Eleganz eines anderen Menschen als dir beim Treppensteigen aufgefallen ist, aber selbst wenn dem so wäre, würdest du alle anderen um Längen darin übertreffen. Ein bisschen erinnere ich mich an eine frühere Situation, in der du ebenfalls die Treppe, mit einer gewissen Intention, vor mir hinaufgegangen bist, und ich möchte mich kurz selbst für diesen Gedanken kasteien. Etwas unangenehm ist es mir schon, dass mein Blick für einen etwas zu langen Moment an dir festgewachsen zu sein scheint, denn als du es bemerkst, hast du diesen frechen Gesichtsausdruck, der mich schon immer herausforderte, während du „Hübsche Hose, hm?“ sagst.  Ich fühle mich ertappt, aber statt Enttäuschung höre ich aus deiner Stimme eher Freude. Vielleicht darüber, dass du bemerkst, dass du in meinen Augen offenbar genau so reizvoll bist, wie zuvor?

Das letzte Beben. Und immer noch dieses Licht. Aber ich bleibe hier. Soll es doch leuchten, ich will hier nicht raus. Und wenn es leuchtet so lange ich atme, ich bleibe hier.

Ich weiß nicht, ob wir bewusst auf einen Kuss verzichteten, als du aus dem Zug ausgestiegen bist. Ich bin mir aber sicher, dass es das Richtige war.
Ich schließe die letzte Tür auf und du trittst mit einer Selbstverständlichkeit hinein, als würdest du hier wohnen. Als hätte ich dich nie gehen lassen. Als ich dich frage, ob ich dir ein Getränk anbieten kann, summst du ein freundliches „hmhm“ und ich empfehle dir, es dir schon mal auf der Couch, die immer noch die alte ist, welche du so mochtest,  gemütlich zu machen. Das Getränk ist nichts Besonderes, kein Sekt oder Wein. Es ist das Wasser, von dem ich weiß, dass du es Leitungswasser schon immer vorgezogen hast. So viel Stil muss sein. Als ich es dir bringen möchte ist das Licht im Wohnzimmer abgeschaltet. Auch die Couch ist leer. Ein unangenehmes Gefühl macht sich in mir breit. Auch unter der Badezimmertür ist kein schmaler Lichtspalt zu sehen. So viele Zimmer gibt es hier nicht, also betrete  ich mit verbleibender Hoffnung das Schlafzimmer. Auch hier: Kein Licht. Ich seufze und das Echo der kahlen Schlafzimmerwände seufzt, deutlicher als üblich, mit.  Ich drehe den Dimmer auf so dunkel wie möglich, bevor ich das Licht einschalte. Und da liegst du, zusammengekauert in meinem Bett, nur ein wenig Kopf und sehr viel wunderschönes Haar lugen unter der Decke hervor. Ich lächle, und seufze deutlich glücklicher als zuvor, bevor ich mich beuge um dein Glas neben das Bett zu stellen.  Als ich wieder nach oben komme hat dein Arm die Decke verlassen und greift in der Luft nach mir. Ich trete einen Schritt näher und lasse mich von dir greifen und über dich rollend zu dir ziehen. Dann sehe ich noch einmal dein Lächeln. Du scheinst unglaublich froh darüber, wieder hier zu sein und ich lege meinen Arm um dich. Das bleibt nicht lang so, denn kurz darauf revangierst du dich für mein über dich Rollen und bleibst auf mir sitzen. Ich weiß noch nicht einmal so Recht, ob und wo ich dich jetzt anfassen sollte, da greifen deine Hände schon nach meinem Gesicht und du gibst mir diesen Kuss, der um so viel schöner ist, als es der, auf den wir am Bahnhof verzichteten, je hätte sein können.


Das Licht gewinnt. Kurz hatte ich dich zurück. Natürlich war es zu schön. Die Couch ist ohne dich und zum Schlafen ohnehin viel zu unbequem, nicht nur wegen des Smartphones, welches sich in meinen Rücken bohrt und abermals kurz vor sich hin vibriert. Der grelle Bildschirm hat offenbar keine Lust auf einen selbstinitiierten Stand-By-Modus und zeigt auf weißem Hintergrund immer noch die Playlist einiger Folgen der Serie an, welche wir so gern zusammen sahen. Da ist es wieder, das enttäuschte Seufzen aus meinem Schlafzimmer, diesmal nur ohne Lichtschalter, der alles besser macht. Er muss kaputt sein, denn egal wie oft ich das Licht einschalte ist alles was passiert, dass der Raum sich erhellt. Hell. Dunkel. Hell. Dunkel. Du weg. Ich da. Ich wünschte einer der beiden letzten Fakten wäre anders. Egal welcher.


Das Schwarz gewinnt. Nach einem langen Kuss ertappen wir uns dabei, gleichzeitig „Ich hab dich vermisst“ zu sagen. Du besitzt allen Ernstes die Frechheit, darauf mit „Jinx!“ zu antworten.  Erst gucke ich wohl ein wenig verwundert, dann frage ich, was ich also tun soll.
„Geh nie wieder. Lass mich nie wieder gehen. Ich mache dir keinen Vorwurf, aber geh nie wieder weg.“
Ich bleibe hier. Im Schwarz.  Versprochen. 



© Artwork by 'matew' (http://matew.deviantart.com)

Dienstag, 12. Mai 2015

Nur eine Modeerscheinung

Wie grell die Sonne strahlte
Und wie bunt die Blüten sprossen
Und wie sanft der warme Wind wehte
Und wie schön die Muster der Schmetterlinge waren

Wie fruchtig das Softeis war
Und wie angenehm das Grillgut duftete
Und wie viel länger die Tage plötzlich waren
Und wie viele Cabrios plötzlich auf den Straßen fuhren

Ist mir nicht aufgefallen.
Aber der erste Minirock
Der war rot.



© Artwork by 'MayelV' (http://mayelv.deviantart.com/)

Samstag, 17. Januar 2015

A & O

Du bist immer noch da, du mit deinen zwei Gesichtern. Du gehst mit der Zeit, aber geht es um mich, bleibst du konservativ. Manchmal glaube ich, dass wir einfach nicht den Mut haben, uns gehen zu lassen.

Als wir uns kennenlernten dauerte es nicht lange und ich verliebte mich Hals über Kopf in dich. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist es schon fast komisch. Komisch auf jene Weise, die einem diesen traurigen Blick auf den Boden werfen lässt, nicht lustig.

Heute bist du nicht mehr, was du damals warst. Du bist ungeduldig, kurzatmig und anspruchslos geworden.
Was ist eigentlich passiert? Sind wir einfach älter und reifer geworden? Haben wir uns auseinandergelebt? Bist du auf die falschen Menschen getroffen?
Vielleicht hast du ja auch einfach Angst bekommen, welche sich nur als Faulheit tarnt.

Ich hätte dir die Dinge, die du jetzt  nicht einmal bereust, damals nicht zugetraut. Aber heute  sagst du, dass das doch ganz normal sei.
„Erst treffen sich Blicke, dann Lippen, dann Genitalien, dann Fäuste, dann Anwälte“, das gehöre eben einfach dazu, sagst du.

Wenn ich damals an dich dachte, dann sah ich Morgenstunden, in denen man sich mit einem frechen Lächeln aus dem Bett schubst, Sonnenuntergänge an Stränden, auf Dächern oder wo man sie sonst noch genießen kann und Nächte, in denen man sich unter den Decken, aus denen man sich am nächsten Morgen wieder schubsen kann, gegenseitig anschmiegt und wärmt.

Heute nennst du das naiv, so liefe das nun einmal nicht, so etwas sei für Hollywood da, nicht für die Realität.

Früher hast du für mich getanzt, hast dich dabei mit einer solch katzenartigen Eleganz und Anmut bewegt, dass ich kaum wagte zu atmen. Heute sehen wir uns nur noch gelegentlich, werfen uns kurze melancholische Blicke zu und tun so, als hätten wir gerade keine Zeit für Smalltalk.
Du bist mit anderen beschäftigt, für die du nur ein Wisch zur rechten Displayseite bist.

Ich vermisse dich.
Dich, in deiner früheren Reinheit. Dich, aus meinen Träumen. Dich, unschuldig wie du es einmal warst.

Und als ich dich sehe, wie du wieder auf der anderen Straßenseite meinen Blick meidest, da renne ich dir entgegen und packe dich.
Aber du fällst hin.
Und wo du hinfällst, da bliebst du für mich schon immer liegen.

Und der Unterschied, ob dieser Sturz uns nun das Genick bricht oder nicht ist so klein, wie er das A und O ist.

Eben ein Ade
oder eine Ode an dich.

Die Liebe.




© Artwork by 'davespertine' (http://davespertine.deviantart.com/)

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Actio libera in causa

Lorem ipsum, du Fotze. Weis mir das mal nach. Und wie ich um die Häuser ziehe, dunkler noch gekleidet als die Nacht in der ich mich bewege, die Kippe im Mund, ich konnte Raucher noch nie leiden. Das Feuerzeug von ver.di, Arbeitnehmer schützen, mit Lungenkrebs. Verlogene Hurensöhne. Die Kippen gratis, was nicht heißen soll, dass sie nicht geklaut sind.

Da ist diese Frau, um die 100 Meter vor mir. Versucht ihr Unbehagen zu vertuschen, ihr beschissenes Unbehagen. Ihr Unbehagen, welches mich einen Dreck interessiert. Wenn ich nichts vor hätte, dann hätte sie in 100 Metern ein Problem. Generell eine interessante Zeitangabe. Gleich läuft sie an mir vorbei. Wie sie ihren Blick abwendet, als sie glaubt, dass ich ihn bemerken könnte. Ich schnipse ihr die Kippe zu, natürlich läuft sie weiter, hätte nicht erwartet, dass sie den Mut hat, zu protestieren. Der Dresscode black führt des Nachts stets zum Respekt. Natürliche mache ich mir eine neue an. Du bezahlst.

Niemand braucht Straßenbahnen. Es dauert vielleicht eine halbe Stunde, genieße deinen Schlaf, er wird kurz. Eine Telefonzelle. Nachher mindestens 3 Telefonzellen. Sicherheitsglas ist etwas anderes. Westware hält eben nichts aus. Glotz nicht so, sonst bist du drei Nachtwanderer. Natürlich glotzt er nicht, Gründe schon genannt.

Noch eine Straße. Tät ich kotzen wenn ich wüsste was gleich kommt. Du wolltest ja unbedingt einen Balkon. Ich hab doch gesagt, dass ich gut klettern kann. Noch einmal tief Luft holen, das übersteigt alles bisher Dagewesene. Ich dachte ich muss Lärm machen, aber unnötig, das Durchgangsfenster ist angewinkelt und meine Mitbringsel reichen aus, um die Tür auszuhaken. Süß, wie sie nun an einer Ecke hängt. Wird von Innen wieder berichtigt. Sieht aus wie neu. Hat mir einiges an Stress erspart. Ich weiß wo dein Schlafzimmer ist.
Die Tür geht sehr leise auf, der Mond scheint auf dein Bett. Leer. Für einen Moment werde ich unendlich wütend. So viel Pech kann niemand haben. Vielleicht im Wohnzimmer? Ungewöhnlich für dich. Im Flur überrascht mich plötzliches Licht. Du schaust mich entgeistert an, was sich steigert, als meine Hand deine beschissene Kehle umfasst. Zunächst an die Tür zum Badezimmer gedrückt, dann auf den Boden geworfen, einige Tritte, meine Hand zieht dich an deinem Hals wieder nach oben, werfe dich ins Wohnzimmer. Du heulst, du weißt was kommt. Selbst schuld, Miststück. Und mein Fuß tritt auf dein Gewimmer, nach dem dritten oder achten Mal gibst du endlich Ruhe.

Als ich fertig bin siehst du anders aus. Dein Haar ist verklebt, nicht nur vom Blut, ich kann deinen Blick nicht ertragen. Wollte schon immer mal darauf einschlagen, das ist die Gelegenheit. Je öfter ich treffe desto matschiger das Geräusch, ich würde mich schämen!

Wohin mit dir, jetzt wo du nicht mehr gebraucht wirst? Die Idee kommt schnell. Die Schienen. Ohnehin habe ich weder Zeit noch Lust deinen Körper weiter als unbedingt nötig zu schleifen.

Aus sicherer Entfernung warte ich ab, als doch tatsächlich dieser Spinner vorbei kommt und dich bemerkt. Ich ergreife ihn von hinten, mein Notfallwerkzeug durchdringt problem- und lautlos seinen Hals. Ab ins Gebüsch mit ihm, jetzt aber schnell nach Hause, durch dunkle Straßen, am besten durch den Hintereingang ins Gebäude.

Mal sehen, was ich morgen darüber denke, wenn ich ausgenüchtert bin. 



© Artwork by 'Brett1982' (http://brett1982.deviantart.com/)

Donnerstag, 15. August 2013

Die WG - Dienstag

Micha.

Wen interessieren schon Uhrzeiten. Es ist Nachmittag und der Unterricht vorbei. Der richtige Stress beginnt erst jetzt, als ich auf meinem Bett liege, die Zimmerdecke anstarre und überlege, was ich mit all der freien Zeit die mir heute gegeben ist anstelle. Die Optionen erscheinen schier endlos. Ein Mittagsschläfchen? Meine Zeit am Rechner verlauern? Eine der zahllosen Spielekonsolen, welche sich in diesen 4 Wänden aufhalten in Betrieb nehmen? Aus dem Fenster starren? Okay, das fällt raus, ich bin ohnehin zu faul, jetzt die Vorhänge beiseite zu schieben.

Immer dieser Entscheidungszwang. Vielleicht sollte ich Rabe oder Erik Gesellschaft leisten? Wobei: Besser nicht. Der eine schläft noch und der andere schon. 
Immer, wenn mich solche Momente plagen, greife ich nach meinem Smartphone und schaue, ob es dort irgendwelche Neuigkeiten gibt. Als Angehöriger der Generation Facebook hat man natürlich immer Angst, irgendetwas zu verpassen.
Als meine Hand die Oberfläche meines Nachtschrankes erreicht, auf welchem sich mein Smartphone standardmäßig befindet, und dort nach mehrmaligem blindem Herumfühlen leider kein Mobiltelefon auffinden kann, erinnere ich mich an das gestrige Dahinscheiden dieses Peripheriegerätes. Hatte mich schon gewundert, warum ich heute im Unterricht so aufmerksam war…

Während ich also nichtstuend und nichtsahnend vor mich hindöse löst plötzlich ein Fingerschnips Gottes mein Problem. Der Heiland kann sich meine Zeitverschwendung nicht länger mit ansehen und schickt einen seiner Boten, um mich von meiner Untätigkeit zu  erlösen.

Es klingelt an der Tür. Zunächst überlege ich, ob meine Faulheit stärker ist, als mein Tatendrang. Dann wird mir klar, dass sich diese Frage eigentlich von selbst klärt, jedoch jeder andere Mensch in dieser Wohnung schläft und ich somit der einzige bin, der für Ruhe sorgen kann.
Ich schäle mich aus meinem Bett, schiebe die nur angelehnte Tür mit meinem Kopf auf und gehe zur Wohnungstür. Vorsichtig wie ich nun einmal bin schaue ich aber zuerst durch den Türspion, bevor ich potentiellen Massenmördern und/oder Männern von der GEZ die Pforte öffne.
Was mich da durch das kleine Loch anstrahlt, lässt mich die Tür aber frei von jeglicher Furcht aufreißen.

Auf dem Flur steht ein rothaariges Mädchen. Es trägt (m)eine Collegejacke, Turnschuhe, gewohnt wenig Kosmetikprodukte, ein orangefarbenes Shirt mit einer orangefarbenen Orange und dunkelblaue Röhrenjeans. In ihrer Hand hält sie eine rote Lederleine und am Ende der Leine befindet sich der Hals eines lächelnden schwarzen Beaucerons.

„Hallo Tina“, sage ich, müde grinsend. Tina umarmt mich und betritt mit Velvet die Wohnung. Tina ist so etwas wie die Gallionsfigur dieses Schlachtschiffes von einer WG. Ein gern und oft gesehener Gast mit größtmöglichem Beliebtheitsfaktor. Das hat mehrere und weitere, für jeden Bewohner der WG verschiedene Gründe. Velvet, ihre Hündin, erfreut sich einer ähnlich großen Beliebtheit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie so gut wie kaum Haare hinterlässt, wenn Tina sie wieder mitnimmt.

Aber auch sonst ist Velvet ein besonders tolles Tier. Da Tina über ein großes Maß an Humor, Geduld, Zeit und vor allem Tierliebe verfügt, hat sie Velvet diverse Befehle beigebracht. Velvet setzt sich, legt sich hin, rollt sich auf dem Boden und macht Männchen bzw. Weibchen. Da das an sich noch nicht sonderlich lustig wäre, hat Tina ihr unter anderem ein weiteres, besonderes Kommando beigebracht. Velvet hört auf das Kommando ‚Fass!‘. Damit erschrecken Tina und ich gerne andere Menschen, denn ruft man Velvet ‚Fass!‘ zu und zeigt auf jemanden, dann rennt sie auf diese Person zu, bleibt vor ihr stehen und legt sich auf den Rücken, in freudiger Erwartung darauf, von ihrem Gegenüber auf dem Bauch gekrault zu werden. Leider müssen so gut wie immer Tina oder ich diesen Part übernehmen, weil die betroffenen anderen Menschen längst schreiend geflohen sind. Man kann es ihnen nicht verübeln, denn auf Menschen, die Velvet nicht kennen, kann dieses Tier schon einen respektablen Eindruck machen…

„Die anderen schlafen gerade, lass erst mal in mein Zimmer gehen, okay?“, frage ich rücksichtsvoll leise und Tina nickt mir zu und folgt mir. Selbst Velvet scheint sich Mühe zu geben, sich möglichst leise zu bewegen.
Ich schließe meine Zimmertür von innen und Velvet legt sich auf meine Couch und schließt ihre Augen. Sie liebt meine flauschige Couchdecke.

Was nun folgt, ist einer der persönlichen Gründe, warum ich Tina so schätze.
„Wollen wir was zocken?“,  fragt sie mich. Ich schaue etwas niedergeschlagen. „Was ist denn los?“
„Naja, ich hab doch letztens mit Erik gespielt und du weißt ja wie er so reagiert, wenn er meint, das Spiel hätte ihn unfair behandelt. Dieser Haushalt hat somit nur noch einen, genauer: meinen Controller. Der von Rabe liegt bei einem seiner Mitstudenten, er verlieh ihn mit den Worten: ‚Brauchen wir eh erst mal nicht, haben ja nur 2-Spieler-Spiele, da reichen doch fürs Erste 2 Controller aus.‘, ich wünschte er hätte gewusst, dass er da bestimmte Faktoren, beziehungsweise Mitbewohner, berücksichtigt hätte…“
„Ja, und? Weiß ich doch, hat er mir selbst erzählt. Hab meinen eigenen dabei. Sicherheitshalber habe ich auch das ein oder andere Spiel mitgebracht, such dir einfach was aus!“ und sie reicht mir ihre Tasche. Wir probieren diverse Softwareperlen durch, bilden perfekte Teams in kooperativen Spielen und unerbittliche Blutfeinde, wenn es darum geht, uns in anderen Spielen gegenseitig fertig zu machen.
Am Ende kann man grob überschlagen sagen, dass die Ergebnisse einen Gleichstand aufweisen. Dummerweise spreche ich die Gleichstandsache laut aus und sowohl Tina als merkwürdigerweise auch Velvet funkeln mich knurrend an. „Fass!“ sagt Tina böse, und bedeutet Velvet den Weg in meine Richtung anzustreben...


Rabe.

Ich hatte einen Traum. In meinem  Traum lebte ich in einer WG und meine Mitbewohner hatten exakt denselben Schlafzyklus wie ich. Dann erwachte aufgrund lauten Gelächters aus dem Zimmer gegenüber von meinem. Der leere Flur dazwischen vermag die Schallwellenarmee nicht aufzuhalten, welche mir den überraschenden Krieg erklärt. Ich springe auf, im Flur schnappe ich mir auf dem Weg zum Feind noch eben den Baseballschläger meines Krach machenden Mitbewohners, der dort herumsteht, falls doch einmal jemand vergisst, durch den Türspion zu gucken und versehentlich so einen GEZ-Peter hereinlässt. Dann stürme ich durch die Tür.

„Zwanziguhrdreißigduhu.. Oh, hy Tina!“ Ich verstecke die Holzkeule hinter meinem Rücken. Velvet springt vom Sofa, rennt hinter mich, schnappt mir das Instrument aus den Händen und rennt damit auf den Flur. Ich nehme an, sie glaubt, ich wolle mit ihr spielen. Jetzt fühle ich mich ein wenig schuldig.
„Na, schon wach, Rabe?“, fragt mich Tina lächelnd und ich antworte ihr mit „Meine Sympathiesensoren haben sich gemeldet und da dachte ich mir, ich schau mal nach. Ist schließlich ungewöhnlich, dass die mich in dieses Zimmer rufen.“
„Ja, danke, das war subtil“, sagt mein Mitbewohner.
„Du solltest wirklich ein wenig freundlicher gegenüber Micha sein! Dank Erik wirst du vorerst mit seinem Controller spielen müssen“, sagt Tina gespielt böse. „Danke Tina, ganz besonders für das In-Schutz-nehmen eines männlichen Menschen als Frau, wirklich gut für mein Ego..."

„Ich glaube, mein Hund möchte sich, dank deines Einflusses, jetzt sportlich betätigen. Schade eigentlich, wollte dich gerade, jetzt wo du wach bist, fragen, ob wir jetzt was machen wollen… So, bei dir und so…“
Weil Micha nicht Nachtragend ist und seine beiden Mitbewohner wie Brüder liebt, rettet er die Situation. „Ich geh gerne mit Velvet raus, außerdem bin ich mit gerade ohnehin in Führung gewesen.“ Warum schaut sie ihn denn plötzlich so grimmig an?

Velvet geht mit Micha Gassi. Wer da wen an der Leine hat, lässt sich wirklich nicht so genau sagen.

Tina und ich verlassen das fremde Zimmer und suchen meines auf. Tina kommt also in mein Zimmer. Tina kommt in meinem Zimmer. Kurz vor mir kommt Tina. In meinem Zimmer. „Hallo? Cpt. Tina an Sgt. Rabe? Würdest du mir bitte mal sagen, wo du schon wieder in deinen Gedanken herumflanierst?“, fragt Tina, als ich eine ganze Weile Stumm neben ihr liege. Auf meiner wie immer ausgeklappten Schlafcouch sehen wir uns auf meinem Laptop gestreamte Filme an. Dabei kritisieren wir natürlich heftig die schlechten schauspielerischen Leistungen der Akteure, die teilweise miserable Auswahl des Soundtracks und natürlich den Film per se. Dass Tina dabei an perfekt ausgewählten Termini unseres Soziolektes nicht zu sparen weiß, ist ein persönlicher Grund für mich, Tina ganz besonders zu mögen. Nach 2 durchschnittlichen Filmen -das skandinavische Kino ist eine Sache für sich- überkommt mich allerdings schon wieder die Müdigkeit. Tina merkt das, sagt, dass das absolut kein Problem wäre und sie ohnehin noch mit Erik was trinken gehen wollte und verabschiedet sich von mir mit einem dahingesummten Schlaflied, während sie mein Zimmer verlässt.


Erik.

Ist es noch oder schon dunkel? Verlasse das Bett und taste nach dem Lichtschalter. Als ich ihn finde und mehrmals betätige fällt mir ein, dass ich die Glühbirne vor Wochen wechseln wollte. Naja, mach ich dann wohl morgen. Vielleicht. Muss jetzt auch so gehen. Ich finde nach kurzer Suche meine Tür samt Klinke und durchschreite Nachtblind die Pforte. Irgendwie ging die Tür auch schon mal leichter auf. Geblendet von all dem Licht auf dem Flur brauchen meine Augen einen Moment, um den dunklen Klumpen auf dem Flurboden zu identifizieren. Offensichtlich kann er sprechen. „Aua. Guten Morgen Erik!“ Diese Stimme kommt mir sehr vertraut vor, mit sorgfältig gewählten Worten möchte ich aber auf Nummer sicher gehen. „Wer isn da?“ Meine Finger reiben über meine Augen.
„Man, man… es ist fast zwölf!“
„Komischer Name, warte ma. Tina? Hallo!“
Langsam erkenne ich sie deutlich.
„Ja hallo!“ Ich helfe ihr hoch.
„Wollte dich fragen ob du Lust hast, was trinken zu gehen.“, sagt sie, während sie ihren Hintern reibt, auf welchen sie wohl eben gefallen ist. „Du bezahlst, du bestimmst…“
Mein Finanzstatus verbietet mir mal wieder, Teil der Spaßgesellschaft zu werden und das versuche ich Tina durch diese Worte klarzumachen. Dann aber geschieht etwas, womit ich nicht zu rechnen gewagt hätte. Tina benutzt Worte, die magischer sind, als alles was David Copperfield jemals von sich gab.
„Kein Problem“

Habe ich mich verhört? Spricht der Herrgott durch die Lippen dieser jungen Schönheit? Ist es Zeit, doch damit anzufangen, die Bibel-PDF, die ich mir einmal interessehalber raubkopierte, um mit den darin enthaltenden Sprüchen zu klugscheißen, zu lesen? Was geschieht hier? „Ganz im Ernst, hab meiner Tante erzählt, ich hätte Geburtstag.“ Ich kann zwar nicht gutheißen, dass Tina der dementen Schwester ihrer Mutter permanent von ihrem ständig angeblich stattfindenden Geburtstagen erzählt, andererseits hatte die gute Frau aber zu mental gesunden Zeiten jemanden zu physisch ungesunden Zeiten geheiratet, dem es finanziell deutlich besser als gesundheitlich ging.

„Na wenn das so ist. Abtaun?“ Das Abtaun ist eine sympathische, günstige und familiäre Kellerkneipe unweit unserer WG. Sein Besitzer und dessen Mitarbeiter sind angenehm im Umgang und sein Name soll wohl lustig sein und eine Art Anglizismus bilden. „Dumme Frage“, sagt Tina, womit sie auch irgendwie Recht hat. Erstens gehen wir nie irgendwo anders hin, zweitens ist es wie bereits erwähnt recht preiswert dort, was die Getränke angeht und drittens sind wir ohnehin zu faul, weiter als bis dahin zu laufen. Außerdem kennen wir kaum Lokalitäten, welche an Wochentagen so lange geöffnet haben, wie das Abtaun.

„Heute gar keinen Hund dabei?“, frage ich. „Micha ist mit Velvet unterwegs. Weißt doch, die beiden mögen sich, man weiß nie wann die wieder auftauchen, ich lass einfach einen Zettel da, dann kann er Velvet später noch vorbeibringen, oder er lässt sie einfach hier schlafen, aber damit er weiß wo ich bin und so…“ Ich mag Velvet. Toller Hund, gibt sogar Pfote wenn man ‚Zahltag‘ sagt.

Im Abtaun angekommen bestellen wir die üblichen Getränke. Tina bekommt zeitgleich eine Club-Mate, einen Long Island Iced Tea und ein Bier und ich bekomme, naja, zunächst einmal drei Bier.
Tina fragt mich etwas frech, was ich derzeit so mache. „Jobsuche“, sage ich kurz, kann aber einfach nicht anders als dabei etwas zu lachen. Auch Tina scheint Probleme damit zu haben. Im weiteren Verlauf dieses Gespräches sprechen wir über alles Mögliche. Oft kommen wir dabei auf lustige, absolut dämliche oder total Spannende gemeinsame Erlebnisse aus der mehr oder weniger entfernten Vergangenheit zu sprechen. Dabei bestellt Tina immer wieder Shotgetränke und wir trinken auf diese Erfahrungen. Je nachdem, ob es lustige Erfahrungen waren oder traurige lachen wir dabei oder spielen theatralisch niedergeschlagen. Ein weiterer Vorteil des Abtauns ist, dass wir das gesamte Team dort kennen, demzufolge verzeiht man uns auch, wenn wir uns hin und wieder etwas zu laut aufführen. Ein Tisch in der Mitte des Lokals übertrifft unsere gelegentlich auftretende Maximallautstärke  allerdings bei weitem…

Man kann ohne große Mühe heraushören, über was sich die drei Herren so amüsieren und es widert offensichtlich die Bedienungsdame an. Auch dem Besitzer an der Bar fallen die Herren negativ auf, und es ist deutlich, dass er, wenn nicht gleich etwas sehr entschuldigendes passiert, die Männer des Hauses verweisen wird. Offensichtlich freuen sich die Typen laut darüber, dass mal wieder irgendjemand mit einer Katze Fußball gespielt hat und das Tier danach, natürlich vor laufender Kamera, auseinander genommen hat.  Als mein Blick wieder in Tinas Richtung begibt, steht diese gerade auf und mir ist sofort klar, dass nun etwas geschehen wird, über das wir bald als spannende vergangene Sache unterhalten werden, während wir darauf Shots trinken.

Tina erreicht den Tisch, sie bebt vor Wut, spricht denn lautesten der Männer aber, mit all der Kraft die sie hat zur Freundlichkeit bemüht an. „Entschuldigung. Es war nicht meine Absicht zu lauschen, doch zufälligerweise hörte ich, worüber Sie drei sich unterhalten und wollte die lustigen Sachen auf Ihrem Telefon auch einmal sehen. Der Mann ist so dumm und betrunken wie er aussieht, er reicht Tina tatsächlich sein Telefon und was sie da sieht lässt sie all ihre Zurückhaltung vergessen.  Tinas Augen weiten sich, ich könnte schwören, dass ich Flammen darin auflodern sehe. Was heißt auflodern, Tinas Augen sind plötzlich Flammenwerfer, ach was, Drachen, bösartige, feuerspeiende Drachen. Ich versuche zu retten, was zu retten ist und renne zu ihr, doch zu spät. Tina zerbricht das hässliche iPhone mit dem noch hässlicheren Inhalt einfach so in ihren zwei Händen. Ich hätte nicht einmal gedacht, dass das möglich wäre.

Der Besitzer lacht nun nicht mehr und auch seine beiden gewaltbereiten Freunde sehen Tina und mich wütend an. Man muss den dreien lassen: Sie sehen plötzlich gar nicht mal so ungefährlich aus. Die drei Männer stehen auf. „Du Tina“, sage ich, ohne meine obere und untere gebisshälfte voneinander zu lösen. „Ich glaube wir sollten jetzt wirklich gehen…“

Der Vorteil am Abtaun ist, dass man jederzeit verschwinden kann, weil man seine Getränke dort standardmäßig sofort bezahlt. Und genau das tun wir jetzt: Verschwinden.
Wir rennen aus der Tür, eine kleine Treppe hoch, die Typen sind dicht an uns dran. Offensichtlich verleihen nicht nur Red Bull, sondern auch diverse andere, insbesondere alkoholische Getränke Flügel oder zumindest Höchstgeschwindigkeiten, welche wir zu erreichen nicht imstande sind. Und ich bin mir sicher, das wars, jetzt werde ich gevierteilt und Tina wird einer Schändung epischen Ausmaßes zum Opfer fallen. Tina fängt an zu schreien…

„VELVET, FASS!“ Ich frage mich, ob sie jetzt, in all der Panik durchdreht, doch als da aus der Ferne gerade ein Hund auf uns zu gerannt kommt begreife ich, dass nicht ihr Verstand zu wünschen übrig lässt sondern meine Sehstärke. Ein immer größer werdender Hund rennt zunächst auf uns, dann aber auf die drei wütenden Herren zu und diese scheinen zu begreifen, dass der Hund offensichtlich zu dem Mädchen gehört, welches eben noch vor ihnen wegrannte, jetzt aber dasteht und die drei böse über ihre Schulter hinweg anfunkelt. Man kann es ihnen nicht verübeln, denn auf Menschen, die Velvet nicht kennen, kann dieses Tier schon einen respektablen Eindruck machen…

Die Typen rennen vor Velvet weg zu einem Wagen, der offensichtlich einem der Herren gehört, springen hinein und der Fahrer tritt das Gaspedal durch. Irren mich meine Augen schon wieder, oder hat der Wagen zwei kaputte Reifen?

„Was war das denn für ne Show?“, fragt Micha, offensichtlich schwer verwundert. „Sie, mein Herr“, antwortet Tina „haben  soeben zwei wunderschönen Menschen das Leben gerettet!“
„Naja, wenn überhaupt war‘s eigentlich der Hund…“, antwortet Micha.
„Stimmt“, antworte ich.
„Hm“, antwortet Tina.
„Gehen wir jetzt wieder rein?“, frage ich hoffnungsvoll.
„Klar, darauf müssen wir trinken!“, sagt Tina und geht voran. Drinnen freut sich der Besitzer über Tinas Heldenmut und die weiteren Getränke des Abends gehen aufs Haus. Für Velvets Anwesenheit macht der glückliche Besitzer eine Ausnahme. „Sag mal…“, sage ich, zu Micha gewandt, „hab ich mir das eingebildet, oder hatte der Wagen an einer Seite zwei platte Reifen?“
„You got me“, sagt Micha. Bin an dem Auto entlangspaziert als ich herkam um Velvet abzuliefern. Hab durch Zufall die Habseligkeiten des Besitzers im Wagen gesehen und dann, nicht mehr ganz so zufällig, den Heckscheibenaufkleber in Frakturschrift. Hab mir gedacht, dass man so viel nicht falsch machen kann, wenn man dafür sorgt, dass er seinen Satz Reifen einfach mal komplett erneuert.“
„Zufälle gibt’s“, sagen ich und Tina gleichzeitig.
„Darauf prost, liebe Anwesende“, sagt Micha und wieder leeren sich drei Gläser.




© Artwork by 'IngeHiske' (http://ingehiske.deviantart.com/)

Montag, 12. August 2013

Die WG - Montag

Micha.

6:30 Uhr. Mein Handy klingelt. Der Versuch ein Lied zu finden, welches ich als Weckton akzeptiere ist wieder einmal gescheitert. Die Liste meiner Lieblingslieder dezimiert sich rapide. Es ist, als würde man am APPD-Stammtisch einen sympathisch anmutenden neuen Gast mitbringen und im schönsten aller abendlichen Momente laut verkünden, dass er der braunen Brut angehört und nur hier ist, weil die Getränke so günstig sind. Spontan hasst man das, was vorher noch so sympathisch wirkte.
In Darren Aronofskys „Pi“  sagt Max Cohen immer ganz cool „Ich drücke auf Return“. Mit genau dieser Coolness und einer gehörigen Portion ‚Der frühe Wurm wird gefressen‘ drücke ich auf die touchscreendigitale Snooze-Fläche.

6:35 Uhr. Meine eigene Genialität schlägt mir ein Schnippchen. Der Wecker des Festnetztelefones in meinem Zimmer gibt dröhnend eine schrille Monomelodie von sich. Dummerweise steht das Gerät in einer mit minimalem Bewegungsaufwand nicht zu erreichenden Ecke meines Zimmers. Hausschuh #1 verfehlt sein Ziel. Hausschuh #2 ist wie immer nicht auffindbar.
Ich stehe auf. Ich kapituliere. Mein Genie hat mich besiegt.
6:40 Uhr. Ich stehe im Badezimmer vor dem Spiegel und putze meine Zähne um mein funkelndes Lächeln aufrechtzuerhalten bzw. zu retten was zu retten ist. Die Snooze-Funktion des Handys meldet sich zu Wort. Ich hasse es, wenn so was passiert.  Zurück in mein Zimmer gehen ist keine Option, das sind mindestens 5 Meter. Diesem blöden 15-Sekunden-Klingelton-Schnipsel in unendlicher Wiederholung halte ich aber genauso wenig  stand. Glücklicherweise erscheint mein Retter auf der Bildfläche. Wie ich ihn kenne und liebe, hat er auch gleich ein paar tagverschönernde Worte dabei, die er aus seinen Lippen fallen lässt.

„Bist du behindert, man?“ -ist das ein Lächeln oder ist das Wahnsinn, was sein Gesicht da formt?-  „Ich kann bis Zehn pennen, du Penner!“
„Offensichtlich nicht.“ Erdreiste ich mich zu erwidern.
„Alter, mach die Scheiße aus“ reagiert er freundlich.
„Sei so freundlich und kümmere dich darum, ja? Ich verspreche dir, keine weiteren Belästigungen, bin dann auch gleich weg.“
„Fick dich.“ Antwortet er freundlich akzeptierend, betritt mein Zimmer, verursacht ein Geräusch, welches nach Hoffnung auf Garantiefall klingt und geht wieder in sein Zimmer.

Ich betrete die Dusche und versuche aus den Unmengen leerer Duschbadverpackungen eine herauszufischen, welche noch einen rudimentären Inhalt in sich birgt. Irgendjemand muss hier dringend mal aufräumen und aussortieren. Vielleicht ist Erik ja so lieb, wenn er irgendwann einmal aus seinem Schlummer erwacht.

7 Uhr. Ich verlasse die Dusche, dann mein Adamskostüm und anschließend die Wohnung. Trotz meiner 22 Jahre bin ich auf dem Weg zur Schule. Nicht jeder macht sein Abitur auf dem geraden Weg.


Rabe.

„Sechsuhrvierzigduhurensohn“ sind meine Worte, bevor ich mich, nun den ersten Frust von mir gegeben beruhigt mit „Bist du behindert, man?“ zu gebären weiß.
Mein Mitbewohner beherrscht die Kunst, von mir gemocht, wobei... geduldet zu werden und mir trotzdem regelmäßig maximal auf die Nerven zu gehen. Die Nacht war lang. Dummerweise war der anschließende Schlaf euphemistisch gesagt kurz. Ich bin nicht Student geworden um weniger als 9 Stunden Schlaf am Tag zu haben.

Ich verfolge seinem Wunsch, für ein stillschweigendes Smartphone zu sorgen. Aufgrund der methodenoffenen Bitte ist immerhin für kreative Frustbekämpfung gesorgt. Die halbleere Club-Mate-Flasche gewinnt dein Zweikampf mit dem Display problemlos. Der Inhalt der ehemals halbleeren Flasche gewinnt wiederum den Zweikampf mit dem Inhalt des Smartphonerestes. Ruhe herrscht. Ich gehe zuerst in mein Zimmer, dann in mein Bett. Als ich dabei am Bad vorbeikomme gebe ich noch ein kurzes „Du Penner, ey!“  von mir. Meine Mutter hat mir beigebracht, stets so was wie gute Nacht zu sagen, der Anstand verlangt es.


Erik.

„Fünfzehnuhrduhurensohn“. Der MP3-Wecker fliegt schon wieder gegen die Wand. Sein vorletzter Flug. Der nächste geht Richtung Plastemüll. „Ups.“
Aufstehen ist nie geil. Da hilft auch keine selbst eingespeiste Musik und sei sie noch so gut.
Erstmal an den Rechner. Ich erwische mich dabei, dasselbe Lied anzumachen, welches eben noch das Todesurteil meines Weckers war.‘ Jimmy Eat World‘ säuseln mir ‚Lucky Denver Mint‘ in meine müden Ohren. Diese Band löst immer wieder eine gewisse Sentimentalität in mir aus. Ich bekomme Mitleid mit meinem Wecker. Vielleicht liegt das aber auch nur an seinen Kaufpreis, welches sich wirklich sehen lassen konnte. Vielleicht kann ich das ja irgendwie als Garantiefall durchgehen lassen, überlege ich, und versuche die Einzelteile aufzusammeln.

Nachdem ich vor kurzem nach dem einen oder anderen Anlauf meine Lehre abschloss, habe ich mir nun vorgenommen, mir erst mal einen Minijob zu suchen. Man soll es ja, gerade in jungen Jahren, mit der Arbeit nicht übertreiben. Gut Ding will ja auch weile haben und der Neider sieht den Garten nur, den Spaten sieht er nicht!

Diese und weitere Phrasen schwirren durch meinen Kopf und ehe ich mich versehe kommt mein lieber Herr Mitbewohner von der Schule. „Schon so spät?“ frage ich verwundert. „Guten… Morgen?“ fragt er vorsichtig. „Es ist 5 durch, jetzt erst aufgestanden?“. Ich blicke leicht schockiert auf die Uhr meines Desktops. „Nö, schon seit 3 wach!“ kontere ich lächelnd. „Oh, doch schon? Was macht die Jobsuche?“ fragt er mit einem Gesichtsausdruck der sich zwischen herausfordernd und grinsend aufhält. „Läuft!“ antworte ich, während meine Finger intuitiv nach der Windows- und der D-Taste suchen. „Sehr gut, bin dann mal drüben, ja?“ sagt er und geht in sein Zimmer.

Die letzten 2 Stunden vergingen zu einem Lied in Dauerschleife, ohne dass ich etwas aktiv davon verarbeitete. Jetzt im Netz nach Minijobs zu suchen wäre ein weiterer Schritt zur Verschwendung eines Tages. Nicht mit mir, Staat der sich für dich und deine miesen Vorstellungen von sozialen Nutzen verbiegenden Gummimänner! Ich klopfe an der Zimmertür meines Mitbewohners an und sage: „bin mal unterwegs“ und die Tür antwortet: „hmhm jaja“. Redundante Artikulation, diese Türen haben einfach keine Ahnung von simpelster Informatik…

Auch ich verlasse dann die Wohnung, allerdings zielloser als meine beiden Mitbewohner. Beides hat seine Vorteile, beides hat seine Nachteile. Ich habe meine Kippen vergessen.  




© Artwork by 'theRockSteady' (http://therocksteady.deviantart.com/)