Samstag, 28. Januar 2012

Aber immer mit Niveau

„Der Hoden des Aals“, „Lass ma‘ Koks erforschen“, „Ödipuskomplex“, das sind nur einige Titel unseres Sammelsuriums an musikalisch-lyrischen Ergüssen, die unseren überdurchschnittlich ausgeprägten, fantasievollen Hirnen entsprangen, und sich nun auf den Setlisten unserer abendfüllenden Auftritte befinden.

Ich bin Mitglied einer Punkband, Schlagzeuger, eigentlich der Part einer Band, den man für gewöhnlich am wenigsten sieht, nicht aber bei uns, wir sind präsent. Komplett. Nicht zuletzt erreichen wir diese strukturelle Außergewöhnlichkeit durch unsere zahlreichen und vor allem kreativ zum Höchstmaß ausgefeilten Ansagen und Aktionen, durch die wir unser Publikum ständig mit in die Show einbeziehen. Nicht selten zum Leid unseres Auditoriums.
So ist es nicht verwunderlich, dass nicht ausschließlich unsere äußerst attraktiven und vielzählig vorhandenen Groupies den Geschmack unserer Körperflüssigkeiten kennen. Eine Punkband sind wir also, die sich noch ernst nimmt. Aber modern und so. Googlet man heutzutage nach dem Begriff Punkband, so erscheint nicht selten die Frage auf dem Bildschirm: „was gibt es noch für punk bands auser greenday?“ [Anm. 655321: „Diese tatsächlich 1:1 kopierte und vor Rechtschreibung nur so übergebende Frage macht mich wirklich traurig…“]

Nicht mit uns, hier wird noch rebelliert, herumgesockst und „lebe schnell, stirb jung“ dem Hörerohr ans Herz gelegt. Dem geschulten Publikum fällt auf, dass unsere Tracks nicht selten mit dem Namen unserer Band harmonieren. „Sigmunds Freunde“ nennen wir uns, was wir nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken haben, dass unser Bandkeller, der sich als Garage tarnt, der gar wohlhabenden Familie unseres Bassisten Sigmund „Scholle“ Scholz gehört, der besagten Proberaum der Band zur Verfügung stellen konnte, nachdem er damals seine Eltern mit dem Argument überzeugte, dass er entweder durch eine seriöse Punkband zu Ruhm und Reichtum kommen möchte, oder als unseriöser Punk zu nichts. Da Scholles Eltern beiderseits Hochschulen besuchten, war ein Kompromiss schnell gefunden.

Aber auch auf Scholle selbst hatte der Bildungsweg seiner Organspender keinen geringen Einfluss. So beschäftigte er sich früh mit Dingen, wie beispielsweise den Versuch, in diesem Land nicht durch Medien zu verdummen, und mit Philosophie. Dass er dabei irgendwann bei Sigmund Freud hängen geblieben ist, ist offensichtlicher Natur und bildete die Grundlage für den gar humorösen Kalauer, den wir unseren Bandnamen nennen.

Damit man es nicht falsch versteht; nicht nur Scholle ist gebildeter, als unser Ruf als Punkband anmuten mag. Die 4 Köpfe unserer Kapelle, also Scholle, Bassist, Frieda „Fuck“ Pitz, ihres Zeichens Gitarristin, Erik „Herr Meier“ Mondschein, Virtuose am Mikrofon und selbstverständlich ich, Schlagzeuger und oft Songwriter, sind allesamt auf den höchsten Etagen des deutschen Bildungsstandards geschult, weshalb wir oft gefragt werden, warum wir uns eigentlich für die Formation Punkband und nicht etwa Autorenkollegium entschieden haben. „Weils Lauter ist, weil Musik mehr Leute erreicht und überhaupt: Habt ihr ‘ne Ahnung wie wenige Groupies Autoren eigentlich abbekommen?“ lautet dann oft die gewählt betonte Antwort.

Heute Abend haben wir einen Aufritt in einem namhaften Club in einer nicht näher definierten Landeshauptstadt Thüringens, der sich der Musik des Ohrgourmets Punker verschrieben hat. Man kennt sogar schon den Betreiber des Etablissements, sein Name ist Christian, aber vor allem sehr unwichtig, und auch Gage und sonstige Boni wie zum Beispiel Freigetränke für die Band sind bereits abgesprochen und im ausreichenden Maße genehmigt. Es verspricht also ein sowohl qualitativ als auch quantitativ hochwertiger Abend zu werden.

Eine Band unseresgleichen verzichtet selbstverständlich auf Luxus wie einen eigenen Chauffeur, und somit steuert Fuck unseren Tourbus, einen rostenden, alten, aber immerhin mit diversen Spraydosen der Farbe „Pink Blood“ bemalten, ehemals schwarzen Skoda Felicia Baujahr ’97, gen Parkplatz vor dem Ort unseres Verbrechens an das politische System. Auf unserer Fahrt gehen wir natürlich noch einmal all unsere Songs, welche wir heute zum Besten geben werden, durch, natürlich ohne Instrumente, außer, dass ich fleißig auf der Airbagklappe hämmere, Schlagzeuger aus Überzeugung eben, es nützt ja nichts.

Als wir die angestrebte Stadt erreichen, fallen uns die gelegentlich platzierten Gelb-Schwarzen Plakate auf, die durch den Schriftzug „SIGMUNDS FREUNDE, 18. 02. 2012 IM RATTENLOCH, ABENDKASSE 15€“ einem Gemälde Da Vincis gleichkommen. Wir bekommen langsam Appetit auf den Abend und vor allem auf die ersten Alkoholika, die uns in die richtige geistige Ebene erheben, um den Gig so denkwürdig wie nur möglich zu gestalten, also wird Scholle dazu angehalten, das Sixpack zwischen sich und Herrn Meier auf nur noch 2 volle Flaschen zu dezimieren, indem er seinen Charakter durch brüderliches Teilen prophylaktisch den späteren Einlass in die Pforte des Herren zu gewährleisten.

Solidarisch und (a)sozial wie es unser Image als genretypische Band verspricht, wird Fuck natürlich nicht außen vor gelassen und darf fleißig mittrinken, ich halte ihr natürlich, Kavalier der ich bin, die Flasche, sie muss sich schließlich aufs Fahren konzentrieren. Jawohl, was Normen und Werte angeht befinden wir uns auf dem allerhöchsten Niveau.

Einige Straßen und ausschließlich rot leuchtende Ampeln später erreichen wir unser Ziel, selbstverständlich sind wir zu spät vor Ort. Das gehört sich so in unseren Kreisen. Der Clubbesitzer mit seinem unwichtigen Namen empfängt uns freundlich schreiend, purpurrot ist er im Gesicht, was uns denn einfiele ihn warten zu lassen, die Vorband spiele schon, er hat gedacht, er müsse den Hauptact absagen. Fuck wirft dem guten eine der 2 übrig gebliebenen Flaschen des ehemaligen Sixpacks an die Brust, geht zum Eingang und sagt noch ziemlich lässig „Chill ma!“
Über diesen Fauxpas des allgemeinen Sprachgebrauches reden wir noch, junges Frollein…

Wir folgen ihr in den Laden und sehen auf der Bühne ein paar bekannte Gesichter, nämlich die unserer Vorband „Edgar Allans Po“, zweifelsohne Veteranen in spe dieser Musikrichtung. Man kennt sich bereits von diversen Gigs und hin und wieder trifft man sich auch zum privaten… Gedankenaustausch. Nette Jungs.

Nachdem die Publikumsanwärmer ihre Setlist durchgespielt haben wird abgeklatscht. Wir betreten die Bühne und die Menge jubelt und grölt. Auch ein paar Becher kommen nach vorn geflogen, sicherlich möchten die Schützen nur, dass wir unsere Kehlen an Getränken laben, die sie erworben haben. Was für treue und selbstlose Fans wir doch haben.

Es wird, wie man es von uns gewohnt ist, nicht lang gefackelt. Fuck spielt die ersten Riffs auf ihrer Gitarre und ich verprügele das Schlagzeug, als hätte es meine Mutter beleidigt. Herr Meier verlangt einen Moshpit nie dagewesenen Ausmaßes und Scholle zupft den Bass, als gäbe es kein Morgen.

Auch unser Gassenhauer „Ödipuskomplex“ wird heute gespielt, dessen tiefgehende Botschaft ich meinem Publikum selbstverständlich nicht vorenthalten möchte:


„Ach, kleine Elektra, was lief nur verkehrt,
von der Mutter verstoßen, vom Vater begehrt
und trotzdem hast du den Erzeuger verehrt
der so rücksichtlos mit der Tochter verfährt.

Nun, kleines Mädchen, es ist wie verhext,
Grund genug ihn zu hassen, aber Ödipuskomplex.
Und egal was er macht, ganz egal was er tut,
Es macht ja der Papa, und was Papa macht ist gut.

Doch irgendwann junge Dame, dann wirst du versteh’n,
Mama hat dich nicht verstoßen, Mama hatte zu geh’n,
und weil du dich weigertest von ihm zu lassen,
hast du begonnen Frau Mama zu hassen.“


Unser Auftritt endet mit Stagedives von Scholle und Fuck, gewohnheitsbedingt ist das oben bleiben für den weiblichen Part unserer beiden Stagediver dabei wahrscheinlicher gewährleistet, aber heute funktioniert es bei beiden. Nicht selten kam es vor, dass Scholle nach einem Konzert die Aftershowparty gegen einen Besuch des nächstgelegenen Krankenhauses eintauschen musste.

Wir sind die high Society des Bordsteins, wir sind der lebende Beweis dafür, dass das Kombinieren von Bildung und sozialer Abgefucktheit nicht unbedingt in Erfolglosigkeit resultieren muss.
Niveaulos? Bitte. Aber immer mit Niveau.



© Artwork by 'JuanOsborne' (http://juanosborne.deviantart.com/)

Mittwoch, 18. Januar 2012

Rein hypothetisch...

Nur mal angenommen ich könnte es noch,
und nur mal angenommen ich hätte noch ausreichend davon übrig.

Nur mal angenommen ich würde alles, was ich sage, auch so meinen,
und nur mal angenommen, ich wäre kein wirklich guter Lügner.

Nur mal angenommen ich würde auf die Auswahl verzichten,
und nur mal angenommen, ich gäbe mich wirklich mit einer Wahl zufrieden.

Nur mal angenommen ich würde alles daran mögen,
und nur mal angenommen ich könnte schwören, für immer damit glücklich zu sein.

Nur mal angenommen ich fände keine Haare, keine Augen, keine Stimme und keine Art schöner,
und nur mal angenommen mein Sinn für Ästhetik würde sich nie ändern,

dann könnte man doch meinen, ich würde dich lieben, oder?



© Artwork by 'skysell' (http://skysell.deviantart.com/)

Sonntag, 8. Januar 2012

Esperanza

Ein Frühling der keiner ist, es wird nicht wärmer, es ist gleichbleibend kalt, eiskalt. Ein Gewitter, das nicht zur Freude beiträgt, und jeder Bewohner dieser Stadt versteckt sich Zuhause vor der Witterung. Und das ekelt das Mädchen, das da durchnässt in der kleine Hütte auf dem Kinderspielplatz sitzt an. Menschen, die sich vor dem verstecken, was einfach da ist. Oder Menschen, die davor die Augen verschließen. Esperanza hat diese Welt längst begriffen, viel zu früh hat sie viel zu viel begriffen, nur sich selbst begreift sie noch nicht. Esperanza hat Geburtstag und ist gerade 17 geworden.

Die Kälte ist ihr lieber als das, was andere „ihr Zuhause“ nennen, denn damit verglichen ist das Sitzen in dieser nur spärlich bedachten Hütte wie ein Saunabesuch. Sie raucht die dritte Zigarette am Stück, findet Rauchen aber ziemlich scheiße. Wut, jede Menge Wut. Esperanza will zerstören. Diese Stadt, diesen dreckigen Spielplatz, auf dem gelangweilte Jungmütter ihren Kindern am liebsten Triebtätern in die Hand drücken würden -schreien ja ohnehin nur rum, diese Blagen- aber vor allem sich selbst.

Esperanza ist das, was man Scheidungskind in spe nennen könnte. Sie hasst das, was ihre Eltern tun. Eine Beziehung nur noch auf der Basis des Besitzens eines gemeinsamen Kindes. Manchmal fragt sie sich, warum sie überhaupt gezeugt wurde. Kann man nicht einfach, bevor man sich für ein Kind entschließt, feststellen, ob man wirklich bereit ist, ein Leben bis zum Schluss zusammen zu führen? Sie spürt jeden Tag, dass ihre Eltern weder ehrlich zu sich, zum anderen Elternteil oder zu ihr sind, und das widert sie an. Wenn selbst die eigentlich direkten Bezugspersonen ihr auf diese Weise vermitteln, dass Lügen und solche Leben durchaus legitim sind, wie soll sie sich dann noch auf ihr Leben freuen? Und genau das fehlt ihr. Freude.

Und auch wenn Esperanza langsam die trockenen Zigaretten ausgehen, eine muss noch, mindestens eine. Ist zwar scheiße, geht aber nicht anders. Und sie denkt an ihren Vater, der Mann, der so gerne Überstunden macht und so oft Kollegen nach der Arbeit besucht. Wenn er dann irgendwann des Nachts wieder nach Hause kommt gibt er Esperanza manchmal noch einen Kuss und wünscht ihr eine gute Nacht. Esperanza wäscht sich danach immer ganz intensiv das Gesicht. Ihre Mutter ist nicht besser, aber durch ihre Nachlässigkeit auf eine skurrile Art ehrlicher. Nicht nur einmal hat Esperanza mitbekommen, dass sich ihre Mutter in den eigenen vier Wänden geholt hat, was sie ihrem Mann nicht mehr geben möchte. Als das zum ersten Mal vorkam hat Esperanza gelernt, dass keine Kopfhörer laut genug sind, um das zu übertönen, was in ihrem Kopf vorgeht. Irgendwann später an diesem Tag hat ihre Mutter sie angelächelt und Abendessen gemacht. Esperanza hat nicht gelächelt, und auf die Frage, was denn los sei, antwortete das junge Mädchen nur damit, dass es derzeit in der Schule etwas stressig sei. Hat man ja mal. Und das war zum Teil gar nicht mal gelogen. Sie lügt ohnehin ungern. So sehr sich ihre Eltern auch bemühen, sie weigert sich diese Lehre aufzugreifen und zu verinnerlichen.

Nach der 5. Zigarette stellt sie fest, dass ihr Weg sie heute nicht mehr nach Hause führt. Hat sich ohnehin nie wie ein Zuhause angefühlt. Nur wohin? Erst mal losgehen, da findet sich schon was. Der Weg weg ist das Ziel. Und so verlässt sie den alten Spielplatz. Es stürmt, der eiskalte Wind schmerzt ihrem Gesicht, aber diese Stadt schmerzt ihrem Leben, und deswegen hat sie auch diese bald hinter sich gelassen. Weiter, immer weiter, bloß weg hier, alles hinter sich lassen. Nicht einmal zurück denken. Auch wenn ihr bald jeder Schritt schwerer fällt, weil sie sich vor Kälte am liebsten einfach auf den Boden fallen lassen würde, sie geht weiter.

Am Rande einer Landstraße kann sie nicht mehr. Keine Reserven, unmöglich sich noch weiter fortzubewegen, sie läuft seit Stunden. Am ganzen Körper zitternd, die Arme zum Wärmespeicherversuch fest verschränkt, gebückte Haltung. Nicht mehr lange und sie bräche zusammen, als da neben ihr ein Wagen anhält und der zum Beifahrersitz herüber gebeugte Besitzer des Automobils die Beifahrertür öffnet. „Komm rein, du holst dir ja den Tod da draußen!“

Und was hat sie schon zu verlieren, also wird nicht lang überlegt und Esperanza steigt ein, der Wagen fährt weiter und sie mit ihm.
„Was machst’n du hier draußen so alleine?“
„Ich… ist egal, ich will nur weg hier.“
„Einfach so? Weiß jemand davon? Wie heißt du eigentlich?“
„Ich habe meine Gründe, und nein, niemand weiß davon, und wenn du mich verpfeifst oder so lauf ich einfach wieder weg, denk also besser gar nicht dran. Ach ja und Esperanza heiß ich. Und du?“
„Keine Sorge, hatte ich nicht vor… Und: Sag einfach Lobo.“



© Artwork by 'lolita-art' (http://lolita-art.deviantart.com/)

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Und du so: „Ich liebe dich“ und ich bin so „Oh.“
Erst mal perplex, hätte ja keiner ahnen können. Der Gedanke was daraus werden könnte gefällt mir aber besser, als das, was derzeit ist. Deswegen erscheint es als das klügste in das Boot einzusteigen. Darauf lass‘ ich mich ein, du bist hübsch, du wirkst lieb und freundlich, ich habe Zeit, Lust und außerdem bin ich jung. Optimal.

Und dann verlieb‘ ich mich, wie das so ist. Ich „opfere“ Zeit, was mehr Spende als Opfergabe ist. Man tut es ja gerne und man hat auch was davon. Ich bin gerade nicht arm, kann dir also auch etwas bieten, nicht viel, aber immerhin!

Und dann kommt eine schöne Zeit, so mit Schmetterlingen im Bauch, die in die Triebwerke von den ebenfalls anwesenden Flugzeugen gezogen werden und in kleine rosarote Teilchen geschreddert werden. Wow, abgefahren, wie auf ‘nem Trip. Da fühlt sich alles viel besser an. Die schlechten Dinge wie „Is‘ doch nich‘ so wild!“ und die guten Dinge wie „Aua. Meine Grinsemuskeln im Gesicht bringen mich um!“

Bisher gehe ich da voll mit. Macht doch Sinn, so’n Trip. Und weil du so lieb bist, gebe ich mir natürlich mühe auch so zu sein, oder noch mehr, weil du’s verdient hast. Dann punktet man mit „Bleib ruhig sitzen, ich hol’s dir“ oder gut gewählten Geschenken zwischen durch. Mal die Lieblingsblume, mal was zum Vernaschen, irgendetwas Niedliches. Sie kennen das. Und plötzlich ändert sich da was.

Auf einmal wird es langweilig, es kriselt viel zu wenig, Perfektion funktioniert nicht, weil es ohne Unvollkommenheit keine Perfektion gibt. Und auf einmal wird dir langweilig. Kann doch nicht sein, dass sich jemand permanent Mühe gibt. Der Typ ist nett zu dir, egal was du tust. Der ist ja verliebter, als du je warst. Nein, so geht’s nicht, da muss man was machen! Und es kriselt auf einmal, weil es so wenig kriselt.

Oh weh, du bist unglücklich, dagegen muss etwas getan werden! Vielleicht war ich nicht nett genug zu dir? Zulange keine Präsente? Habe ich dich etwa doch einmal selbst aufstehen lassen, sodass du dir deine Himbeerbrause selbst hast beschaffen müssen? Ich muss also aufholen. Jetzt ganz lieb, ganz selbstlos, Blumen habe ich auch dabei.

Die Blumen nimmst du an, aufstehen darf ich auch für dich, freundlich sein sowieso. Ich darf dich auch streicheln, massieren, und vor allem in Ruhe lassen. Nur selbst erwarten darf ich nichts. Aber passt schon, bin ja selbstlos für dich.

Und jetzt bist du vollkommen daran gewöhnt, dass ich dich liebe. Und du nimmst, aber wenn ich frage, ob du auch bitte wieder etwas geben würdest, dann sagst du „Das ist doch dumm, wenn ich irgendwas für dich tu, wenn du es mir gerade gesagt hast. So etwas muss aus freien Stücken kommen!“ Und das akzeptiere ich natürlich. Und ich warte darauf, und das sehr lange.

irgendwann tut das Warten dann richtig schön weh. Und lebensmüde wie ich bin, riskiere ich eine weitere Ansprache. Ich diskutiere dir zu viel antwortest du darauf, und auf all meine Wünsche hast du sehr gute Gegenargumente parat. Aber ich soll bitte recht freundlich bleiben und das ganze mitmachen. Wenn ich nur etwas weniger verlange, dich etwas mehr in Ruhe lasse und etwas weniger präsent bin, dann wird das schon, so viel ist sicher.

Als ich dann eine Weile still war, dir deinen Freiraum gegeben habe und überhaupt nichts mehr verlangt habe, hast du beschlossen, dass es wohl das Beste für dich ist, auf mich zu verzichten. Macht Sinn. Wir können ja Feinde bleiben. Und wie sich herausstellt: Immerhin das klappt einwandfrei!

Kosten-Nutzen-Analyse - und ich frage mich: Lohnt sich das?

Samstag, 24. Dezember 2011

Heiligmorgen mit Harvey
oder:
Die kleinen Dinge II

Wir beide sind die wahren Romantiker unserer Zeit, das Wissen darüber teilen wir aber nicht mit jedem Dahergelaufenen. Undenkbar wie hoch das weibliche Interesse an uns wäre, würden wir unserem Sinn für Romantik permanent zeigen. Nein, wir genießen unser bescheidenes Leben und die selbstverständlich von uns hundertprozentig freiwillig gewählte Zurückhaltung unserer andersgeschlechtlichen Mitmenschen.

Wir wissen die Feste immer noch zu feiern, wie sie fallen, denn im Fallen kennen wir uns besonders aus. Und es ist Weihnachten, kalendarisch handelt es sich zwar gerade einmal um die ersten Stunden des 24. Dezembers, Heiligmorgen, wenn man so will, aber das nimmt uns nicht den Anlass, einmal mehr das Lokal unseres Vertrauens mit einem Besuch zu beehren.
Da unser Budget allerdings unter unseren spendablen Seelen zu dieser Festzeit gelitten hat, wird es kein exzessiver Abend/Morgen werden, wir gehen es ruhig an, auf die Frage der Bardame, was es denn geben dürfte, fällt dann schon mal vornehm und dezent der Satz „Bitte einfach das billigste Bier aus ihrem gehobenem Sortiment“.

Viel faszinierender als das Sammelsurium der auf der Getränkekarte befindlichen Namen der multikulturellen Alkoholika finden wir heute allerdings die gar besinnliche Weihnachtsdekoration des Lokals der Arbeiterklasse. Als kurzer Einwurf an dieser Stelle sei schuldbewusst angemerkt, dass wir zwar durchaus zur Arbeiterklasse gehören, es mit dem dazugehörigen Enthusiasmus aber nicht immer so genau nehmen. Man muss schließlich noch einige Jahre aushalten, wenn man noch so jung und schön ist wie wir, da ist es wichtig ausreichend Schlaf und Schonung zu beachten. Nicht auszudenken, würden wir unsere potentiell athletischen Körper jetzt schon irreparabel schinden.

Zurück zur Bühnenausstattung dieser Barkulisse, welche sich als kleiner Kranz um einen Flaschenhals, in welchem sich wiederum rote Stielkerzen befinden, darstellt. Da wurde an Authentizität nicht gespart. Spitze Überreste von Nadelbäumen machen den Großteil der kleinen Kränze aus, eine kleine Christbaumkugel hängt auch noch daran, und da kommt in uns beiden die Ideenschmiede ins Glühen.
Wie schön waren die Zeiten, bevor sich Spiele mit Fachbegriffen wie „Headshot“, „Frag“ oder „Fatality“ abspielten, also tun wir abermals was getan werden muss, wir nehmen unsere Pflicht als die um Untergrund agierenden Retter der Welt war und erfinden ein kleines Gesellschaftsspiel.

Wir arbeiten mit den im Lokal gegebenen Ressourcen, welche an dieser Stelle kurz aufgelistet werden sollen. Wir verfügen über diverse freundlich und vor allem unfreiwillig vom Etablissement gesponserte Packungen Streichhölzer, durch einen kleinen Versuch als äußerst brennbar befundene Nadelbaumerzeugnisse und der uns gegebenen Kerze in der Flasche.

Das Regelwerk ist schnell erstellt. Es gilt, nacheinander ein Streichholz oder wahlweise ein Stück Nadelbaum auf die Kerze zu legen, ohne, dass der Docht erlischt beziehungsweise bereits dem Wachs auferlegtes Heizgut zu Boden beziehungsweise Tisch fällt. Füchse der Disziplin Gesellschaftsspiel erkennen zweifellos, dass es sich hierbei um einen Hybrid aus den Spielen Jenga, Risiko und Mikado handelt, eine Prise Pyromanie ist bei genauerer Betrachtung des Regelwerkes durch aufmerksame Zuschauer und Mitspieler aber auch festzustellen.

Todesmutig beginnen wir mit dem ersten Prototypentest unseres wahnwitzigen Spieles für die ganze Familie und legen die ersten Streichhölzer und Nadeln auf die Kerze, welche besinnlich knistert und zur Freude des Tages glücklich zu flackern scheint. So viel materielle Zustimmung kann kein Zufall sein, also nehmen wir unsere Arbeit noch ernster und setzen das Testen fort.

Bald stellt sich heraus, dass wir in diesem noch so jungen Spiel Naturtalente sein müssen, ja, nur so kann es sein, denn nichts fällt und auch die Flamme der Kerze erlebt die dynamischste Zeit ihres Lebens. Da wir bei unserem Debutversuch aber an Aufmerksamkeit nicht zu sparen gedenken, fällt unschwer auf, dass sich die Lebenszeit des sehr vergänglichen Beleuchtungsverschleißgegenstandes drastisch verringert, ja, dass sie gar rasant ihrem Ableben entgegen brennt, dabei ist bisher kein Gewinner gefunden, und wir sind die Elite der Sportsgeistbesitzer und dürfen nicht zulassen, dass aus diesem Spiel kein eindeutiger Pokalbesitzer hervorgeht.

Da wird gezittert, angespannte Gesichter starren auf die Kerze und noch angespanntere Hände konzentrieren sich auf das fehlerfreie Einhalten des Regelwerkes. Wenige Sekunden, bis die Kerze ihr Lebensende erreicht hat und langsam macht Panik die Runde. Ein bisschen könnte man die Situation mit dem Ende einer Runde Schach vergleichen, bei welcher beide Spieler nur noch über einen König verfügen. Ein kluger Kopf gab einst den klugen Satz „Kings can't checkmate each other“ von sich, was auf uns nicht sonderlich beruhigend wirkt, da wir zweifellos die Könige dieser Nacht darstellen, bei dem schier selbstlosen und lebensbedrohlichen Versuch, der Menschheit ein neues Gesellschaftsspiel zu erdenken.

Doch plötzlich geschieht das ernste Wunder des mystischen Tages, nicht die heiligen drei Könige mit Myrrhe, Weihrauch und Gold kommen des Weges, nein, viel nötiger als diesen Plunder haben wir in diesem Moment neue Spielausrüstung, und da naht womöglich die Rettung, an die schon niemand mehr zu glauben wagte. Die Bardame kommt an unseren Tisch und sieht unsere Projektarbeit. Nachdem sie fragt, um was es sich dabei wohl handelt und wir es ihr ausführlich erklären, allerdings um Zurückhaltung eventueller Patentanmeldungen bitten, steht sie unserem Prototypen plötzlich sehr skeptisch gegenüber, schaut uns zwei Märtyrer noch skeptischer in die Gesichter und fragt, eindeutig mit Zweifel gegenüber unserer Zurechnungsfähigkeit in der Stimme, ob sie uns noch etwas bringen darf.
Ich ergreife meines Amtes waltend das Wort, und bitte die junge Maid freundlich um unseren Herzenswunsch. „Eine neue Kerze wäre nicht schlecht!“

Die Geschichte der Welt ist, wie wir alle wissen, auch von Verlusten der Menschen geprägt, die nur Gutes im Sinn hatten, und so sei ein kleiner Sprung unternommen, und ob des zwischenzeitlichen Geschehens lediglich erwähnt, dass die Dame und, wie sich herausstellte, auch der dazu geholte Besitzer des Lokales nicht von unserer Idee überzeugt waren, und unser Wunsch nach einer weiteren Kerze nicht erfüllt wurde. Gar der Örtlichkeiten verwies man uns, selbstverständlich erst, nachdem man uns für unsere Getränke zahlen lies. Dass auf der späteren Wikipediaseite unseres Spieles definitiv nicht mehr erwähnt wird, in welchem Lokal die Grundidee unseres Spiels unserer Weisheit entsprang steht nunmehr natürlich außer Frage.


655321 wünscht all seinen Lesern eine besinnliche Weihnachtszeit.



Donnerstag, 22. Dezember 2011

Fest der Nächstenliebe

Dezember, Vorweihnachtszeit, und auch ich möchte Menschen beschenken, die es verdienen, deswegen befinde ich mich in diesem 3-Etagen-Kommerzgebäude und suche nach etwas Besonderem für jemand Besonderen.

Die Länge der Schlangen vor den Kassen der Geschäfte lassen jede Netzpython (Python reticulatus) vor Scham im Boden versinken, Weihnachten muss sich dieses Jahr vollkommen unerwartet und kurzfristig angemeldet haben. Da wird hier über zu wenig Kassiererinnen geschimpft und dort sieht man total frustrierte Gesichter, die am liebsten ihre Taschen fallen lassen wollen und bebend vor Wut das Geschäft im Sprint verlassen und später in die Luft jagen wollen würden. Machen sie aber nicht, man hat ja Kinder, denen man anerzogen hat, dass Weihnachten Geschenkezeit ist, ein bisschen wie Geburtstag, nur ohne dem Datum auf dem späteren Personalausweis.

Ich suche eine Weile nach etwas passendem, bei dem die beschenkte Person weiß, dass es nur von mir sein kann, ja, ich mag lieber durchdachte Geschenke als Schnickschnack, so was bleibt doch viel besser und vor allem schöner in Erinnerung. Plötzlich sticht da etwas in meine Augen, es ist perfekt, es ist brauchbar, es ist sogar ein bisschen witzig und vor allem passt es zu mir und zum Beschenkten, abgefahren. Muss ich haben. Muss ich verschenken. Großartig.

Ich befinde mich kurz darauf am Ende oder am Anfang der Schlange –Gott weiß, ob die Kassen nun am Kopf oder Schwanzende sind- , und wieder höre ich das Schimpfen und Echauffieren über das Warten, über den Weihnachtsstress, über einfach alles, und da bemerke ich, dass sich einige Muskeln in meinem Gesicht anspannen, ich grinse. Ich grinse sogar richtig breit, und als die übergewichtige Dame hinter mir nervös mit ihren zu kleinen Füßen herumwackelt, weil sie wohl auch nicht gerne wartet, da tritt sie mich aus Versehen leicht in an meinen Eigenen Füßen und ich drehe mich um. „Na, na, na!“ sage ich, immer noch breit strahlend und sie brummt ein „‘Tschuldigung“ daher, Humor liegt ihr ferner als Korea die Demokratie, aber das stört nicht, ich bin gut drauf, ich kann nicht mal genau sagen warum, vielleicht, weil ich Urlaub und vor allem viel Zeit für meinen Einkauf habe, vielleicht aber auch, weil ich wohl der Einzige in dieser Schlange bin, der nicht kauft, weil er glaubt es zu müssen, sondern weil ich einfach sehr glücklich bin, wenn ich der bald beschenkten Person eine Freude machen kann. Genau genommen freue ich mich schon jetzt wie ein kleines Kind, dass jemand sich über etwas von mir freuen wird.
Manchmal bin ich Gutmensch.

Nach ein paar Minuten erreiche ich die Kasse und sage der Dame hinterm Tresen, dass sie mir etwas leid tut, wegen dem ganzen Stress, den sie hat, weil sich andere welchen machen. Außerdem könne sie sich bei mir gerne etwas Zeit lassen, ich habe genug davon, sage ich noch. Sie grinst mich an, wirkt etwas froh darüber, so viel Vernunft von einem Weihnachtszeitkunden zu hören, der dazu auch noch so jung ist wie ich, wo doch die Jugend, die böse, schlimme Jugend, als so unvernünftig gilt.
Ich zahle anständig, selbstverständlich mit Karte, das verschafft der netten Dame noch ein paar wertvolle Ruhesekunden, wünsche dann schöne Feiertage und verabschiede mich, während ich ihr noch das wohl letzte Kundengrinsen des Tages schenke.

Auf dem Gang zwischen den Geschäften zur Linken und zur Rechten läuft ein Mann in Rot herum, er trägt eine Art Mantel, einen auffällig künstlichen Wattebart, einen schwarzen Gürtel, schwarze Stiefel, eine rote Zipfelmütze und vor allem einen ockerfarbenen Sack über der Schulter.
Der Mann visiert die schreienden Kinder an, die ihre Eltern durch die Geschäfte ziehen wollen und ihre armen Schutzbefohlenen mit Sätzen wie „Guck mal, guck mal Mutti, die Softgun, die wollte ich schon immer haben“ oder „Oh, Mutti, Mutti, da drüben, das BMX, das wollte ich schon haben, bevor ich die Softgun haben wollte“ malträtieren. „Möchtest du nicht viel lieber das tolle Feuerwehrauto haben, oder was Tolles von Lego?“ – „Mutti, ich bin 9!“.
Ich habe Kinder noch nie so wirklich gemocht.

Der Mann in Rot sucht sich aber auch noch viel jüngere Menschexemplare aus, die dann schreiend vor ihm wegrennen, meistens Richtung Vater, hinter welchem sie sich dann verstecken und böse auf den armen Kerl zeigen, der doch nur Gutes beabsichtigt.
„Hast du etwa Angst vor mir?“ fragt der Falschbärtige, worauf das Kind wild mit dem Kopf nickt. Damit ist der Punkt erreicht, an dem ich mich dazwischen entscheiden muss, ob ich die Undankbarkeit von Kindern jetzt zum Kotzen finde, da sie sich einen Dreck für den freundlichen Mann, ganz besonders aber für die Geschenke interessieren, die er ihnen angeblich bringt, oder ob ich das alles einfach schnell wieder aus meinem Kopf lösche und die Dummheit des Kindes auf seinen geringen Erfahrungsschatz und sein geringes Alter schiebe.
Letzteres, es ist ja Weihnachtszeit, und so...

Dieser Vorgang wiederholt sich noch ein paar Mal und Nikolaus, Knecht Ruprecht, Hans Muff, Schmutzli oder wie auch immer ihn der Volksmund gerade nennen möchte wirkt sichtlich enttäuscht von der allgemeinen kindlichen Angst und Undankbarkeit, der arme Kerl möchte doch nur das, was seinen Jutesack so schwer macht an die Bälger weitergeben und damit sein Kreuz entlasten.
„Wenn ich mal sterbe, dann hoffentlich als Held“ habe ich als Kind einmal gesagt, das hat sich meine Mutter über viele Jahre gemerkt und mir irgendwann einmal erzählt, und zu meinem Wort stand ich schon immer, also muss ich tun, was ein Mann wie ich tun muss. Ich gehe zu dem Kerl, dem böse Zungen anhängen, er verdanke seinem Outfit einem Softdrinkhersteller, und halte meine Hand zum high five bereit. „Grüß dich, Santa!“ und schon habe ich den Weihnachtsmann zum Lächeln gebracht. Irgendwie ironisch. Der Kerl ist mir derart dankbar, dass er selbst mir realitätsaufgeklärten Knaben eines seiner Geschenke übergibt, „Netter Kerl“ denke ich noch, während ich mich freundlich bedanke und dem Herrn einen schönen Urlaub nach den Feiertagen wünsche.

Als ich Zuhause ankomme packt mich dann die Neugier darüber, was sich wohl in dem kleinen Päckchen verbirgt. Die Verpackung ist für einen derartigen Massengeschenksack unerwartet aufwendig gestaltet, ordentlich gefaltet und schön verziert, ist mir vorhin, als ich das Geschenk bekam gar nicht aufgefallen. Eine Schande, dass ich diese Verpackung aufreißen muss, aber ein Mann muss tun, was… Und so weiter. Als ich diesen tragischen Akt des Altpapiererzeugens hinter mich gebracht habe finde ich darin eine Tafel Schokolade der einzigen Sorte, die ich mag, die mit den ganzen Nüssen, eine Blu-ray einer Staffel meiner Lieblingsserie und einem A5-Umschlag.
„Strange, äußerst strange“ denke ich, öffne aber den Umschlag, vielleicht finde ich darin Aufklärung.

„Vielen Dank für ein Lächeln und einen angenehmen Moment, hoffe dass ich mich angemessen revanchieren konnte, bis zum nächsten Mal - Santa“.


Mittwoch, 7. Dezember 2011

Und du sagst ich sei nichts Besseres

Als ich noch ein Kind war und diese Schule besuchte, die junge Menschen noch allgemein bildete, da gab es diesen Jungen, diesen Jungen gab es da und sehr viele andere Jungen. Zu seinem Unglück mochten die vielen Jungen den einen armer Kerl nicht und den Gesetzen der Hackordnung zufolge war es ihm vergönnt, eine angenehme Schulzeit genießen zu dürfen. Die traurige Situation des Knaben machte mich früh darauf aufmerksam, dass ich etwas besitzen musste, was die anderen nicht zu kennen schienen: Empathie. Und so erschien es als logisch, dass ich den armen tropf nicht alleine der auf ihn gerichteten Schikane ausgesetzt lassen kann, sondern mich auf seine Seite schlagen musste, denn geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid, und dass ich meine Gunst bei den anderen verlieren würde stand außer Frage. Dummerweise musste ich feststellen, dass das Prinzip des geteilten Leides in dieser Situation nicht funktioniert, da die Grausamkeit von Kindern gerne ein einzelnes Individuum anvisiert. So war die gesammelte Entschuldigung schnell bei dem nun glücklichen weil akzeptieren Burschen eingetroffen und ich war plötzlich sehr alleine.
Der Mangel an anderer Leute Empathie blieb einige weitere Jahre bestehen.
Und du sagst, ich sei nichts Besseres.

Wo ich gerade bei Empathie bin; Empathie ist etwas, dass sich nicht jeder an- aber niemand abtrainieren kann. Da saß vor einigen Tagen dieser Typ auf der Straße, nicht allein sondern wärmeteilend an seinem Hund. Der Hund hatte sicherlich schon gepflegtere Zeiten erlebt, muss sich den optischen Trend aber an seinem Herrchen abgeguckt haben, welcher ein Leistungssportler in dieser Disziplin sein musste. Dieser Mann schien außen den Fetzen an seinem Körper und dem Hund an seiner Seite nichts zu besitzen, und selbst Dinge, die zu seinem Körper gehören sollten, glänzten durch ihre Abwesenheit, und hierbei sei nicht nur von Zähnen gesprochen. Das brachte mich zum Nachdenken, mich, demjenigen, der sein leichtes Hungergefühl in der nächsten Filiale der goldenen-Bögen-Gruppe zu stillen gedachte. Plötzlich hatte ich gar keinen Hunger mehr, eher war mir äußerst unwohl, und so nahm ich den roten Schein, welchen ich auszugeben plante und gab dem armen Armen ein kleines Stück Papier, welches er gegen ein kleines Stück Leben eintauschen könne.
Errechnet man den Anteil meines übergebenen Budgets prozentual gesehen von meinem Gesamtkapital, so ist es durchaus möglich, dass ich gerade mehr von meinem Besitz für Menschen gegeben habe, die nichts besitzen, als es die meisten reichen Menschen in ihrem Leben tun.
Und du sagst, ich sei nichts Besseres.

Und dann gibt es da diese Menschen, die etwas darstellen wollen. Etwas darzustellen empfand ich schon immer als sehr wichtig, vor allem wenn es darum geht, das eigene Individuum darzustellen. Die Menschen, welche ich hier erwähnen möchte liegt aber nichts ferner, als sich selbst und ihre Leistungen darzustellen. Sie suchen sich etwas, das zu hinterfragen die wenigsten willens sind, und ergötzen sich daran, dass sie das Geld haben, sich in dieser Lüge die möglichst am stärksten strahlende Maskerade anzulegen. Fragt man sie, was sie denn darstellen, keiner sagt sich selbst, sie fangen an Worte vor sich herzustammeln, weil sie diese Frage all ihre Synapsen zur Staustufe rot bringen.
Und du sagst, ich sei nichts Besseres.

Und, fast hätte ich’s vergessen, da wärst ja auch noch du. Du, welche einmal ihr Herz an mich verlieh, während ich ihr das meine schenkte. Und ich dachte etwas Besseres als das sein zu müssen, was du erlebtest, also liebte ich beispiellos, grenzenlose Treue stand außer Frage, alles was ich besaß sollte auch dein sein, und das hast du gerne akzeptiert, solang es nur in eine Richtung galt. Und ich wollte das sein, was die Mehrheit der Frauen als entweder nonexistent oder homosexuell bezeichnet: Ein netter Mann. Dass Freundlichkeit ein Fehler sein kann sollte ich in den darauffolgenden Monaten immer deutlicher erfahren, denn alles was du meiner Liebe entgegenzubringen bereit warst, war, dass es dich immer mehr nervte, dass ich nicht war, wie es andere Männer sind. Dass du diejenige warst, die diesen Zustand am Ende nicht mehr auszuhalten bereit war, verleiht dem ganzen noch einen weiteren Schuss Ironie.

Und immer noch sagst du, ich sei nichts Besseres.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Die kleinen Dinge

Es ist eine verhältnismäßig warme Nacht im Dezember als Harvey und ich beschließen, dass solche Wunder der Natur nicht allein zu Hause genossen werden sollten, sondern zumindest ein kleines Kollektiv solch ein Ereignis zu würdigen haben müsse.

Ich fahre also weniger später in Harveys Heimatstadt, unweit meiner Dorfidylle entfernt, und wir prallen wenig später an seinem Lieblingstreffpunkt aufeinander, seine Wohnung. Das ist besonders okay für mich, weil Harveys Wohnung eine Willkommenheit ausstrahlt, die ihresgleichen sucht, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie zumeist eine Ordnung ausstrahlt, die sonst nur die Veteranen unter den Asylwohnungen aus ihren schlimmsten Zeiten noch zu berichten wissen. Allerdings ist das Arsenal an Spirituosen und anderen bewusstseinserweiternden Alkoholika immer prall gefüllt und gleicht, wir bleiben bei Militärbegriffen, einer hervorragend ausgerüsteten Waffenkammer.

Besonders okay ist der Treffpunkt aber auch für Harvey, da es genau der Entfernung entspricht, die er gerne maximal zurücklegt, um einen Abend wie diesen zu huldigen, Harvey war schon immer ein großer Fan der Natur.

Wir fackeln nicht lange, der Fleiß ist uns beiden kilometerweit entfernt anzusehen, und beginnen zügig mit der Respektsbekundung, indem wir eifrig einige der edlen Tropfen zum Ehre gebürtigen Aussprechen eines kurzerhand erdachten tiefgründigen und vielleicht auch etwas sentimentalen Toastes kurz emporheben und anschließend zweckkonform unsere Lippen benetzen lassen.

Nach einigen Gläsern, und wir haben bereits bewiesen, dass unsere Trinksprüche aufrichtig waren, was langsam aber sicher auch an unserer Mimik und der Gesprächslautstärke zu bemerken ist, entfällt Harveys Mund der Wunsch, doch lieber die Lokalität gegen eine -der Feierlichkeit angemessenere- einzutauschen, und da ich unsere langjährige Freundschaft zu schätzen weiß, respektiere ich selbstverständlich sein Bedürfnis und wir suchen unsere, nur wenige Gehminuten entfernte Lieblingskneipe, das „fkd’p“, auf, um auch dort die frohe Kunde über das Motto unserer Feierlichkeit zu verbreiten.

Auch die Bardamen wissen unseren Enthusiasmus zu schätzen, nicht zuletzt aufgrund Harveys Talentes mit Frauen umzugehen. Eines Dichters und Poeten Freundes würdig jongliert er mit seinen gott- oder muttergegebenen Vokabeln, als könne er dadurch den Mayakalender umschreiben um der Menschheit einen Tag mehr Lebenszeit zu ermöglichen. Allerdings ist das nicht das Ziel Harveys, genau genommen tangiert ihn weder die Lebenszeit der Menschen im Allgemeinen als derartige Weltuntergangstheorien im Speziellen. Wenig später fällt auf, dass unsere Getränke sich immer schneller leeren, aber auch die Wartezeiten auf die jeweils nächsten Getränke auffällig kürzer werden, was zweifellos Harveys Charme zu verdanken ist.

Das Display meines Smartphones, denn wir sind ja modern, verzichten auf Chronomaten an den Handgelenken, aber nicht auf das Internet in der Hosentasche, verrät uns, dass wir längst die ersten paar Stunden des auf die letzte Nacht folgenden Tages hinter uns gebracht haben, was die These bestätigt, die ich durch Harveys stark verlangsamte Augenaufschlagfrequenz für meine ganz persönliche Studie aufgestellt habe, und da ich stets bemüht bin der Bezeichnung „Wahrer Freund“ ein möglichst perfektes Beispielsubjekt darzubieten, frage ich Harvey, ob wir die Feierlichkeiten nun beenden möchten, um sein Reich aufzusuchen und dort akzeptierend und vor allem nächtigend auf den Kater zu warten, welcher uns nach dem Schlaf zweifelsfrei heimsuchen wird, „Apropos muss ich bei dir pennen!“ füge ich noch hinzu. Harveys darauf folgende Geste symbolisiert mir unschwer erkennbar, dass er einverstanden ist, also erheben wir uns, so gut wir das noch können und bewegen uns zum Tresen um Urkunden unseres Durstes einzuholen. Selbstverständlich geben wir angemessenes Trinkgeld, denn zum Trinken gab es reichlich, danken für wenig Speis‘ und viel Trank, und während ich zu meiner Jacke greife um mich, für die sicherlich mittlerweile doch sicherlich gesenkte Außentemperatur, zu rüsten, tauscht Harvey noch schnell seine Handynummer mit der Nummer der Bardame aus. Ich bin immer wieder überrascht, wozu dieser junge Heroe imstande ist, selbst wenn er sich parallel im betrunken, sowie im halb schlafenden Zustand befindet.

Ein gelungener Abend, so denken wir, gönnen uns noch ein letztes Glas in Harveys gemütlichem Wohnungsambiente und betten uns anschließend in Bett und Couch.


Montag, 24. Oktober 2011

Vollkommen unvollkommen verkommen

Auf meinen Profilen in den sozialen Netzwerken schreiben mir Menschen, die mich das letzte Mal vor ziemlich genau 365 Tagen kontaktiert haben. Entweder zwingt sie ihr Gewissen, oder sie haben zu großen Respekt vor der Autorität ihrer Geburtstagserinnerungsfunktion.

Seit einigen Stunden habe ich keinen gültigen Personalausweis mehr, und weil ich es schon fast spannend finde, was passiert, wenn darauf irgendwer aufmerksam wird, habe ich auch nicht vor mir einen aktuellen Ausweis ausstellen zu lassen.

Zum ersten Mal in meinem Leben sind wirklich alle Gäste da, die ich eingeladen habe. Sogar mein Wunsch, bitte keinen Kuchen oder anderes Zeug zu bekommen, dass ich ohnehin nicht verwerten kann, wurde von allen Anwesenden respektiert.

Man hört Musik, gerade zum Beispiel Lawrence, trinkt Club-Mate weil das Kult ist und wir verkrümeln fettige Kartoffelerzeugnisse auf meiner Couch bei dem kläglichen Versuch, ausnahmsweise einmal Chips verlustfrei zu essen. Hat noch nie so wirklich funktioniert.

Keiner stört sich daran, dass wir keine Gesellschaftsspiele oder ähnliches brauchen, um den Tag okay zu finden, manchmal liest sogar einer ein Buch oder tanzt für sich alleine zu Musik, zu der wohl kein anderer als er tanzen würde.

Manchmal vibriert mein Handy und Leute. Die Leute nicht anwesend sind, schreiben mir ihre Glückwünsche, selbstverständlich auf mindestens 160 Zeichen gekürzt, so viel Geiz muss sein!
Auch per SMS schreiben mir Menschen, die sonst keinen Kontakt mit mir pflegen, ihre gewissensberuhigenden Freundlichkeiten.

Während ich bemerke, dass Lawrence‘ Lied „fifteen minutes with you“ nur 5 Minuten und 58 Sekunden lang ist, stelle ich mit einem Blick in den Raum fest, dass eine Person, die zwar nicht eingeladen aber durchaus erwünschst ist, deutlich durch ihre Abwesenheit auffällt was mir ziemlich missfällt. Das macht den ganzen Tag sehr unvollkommen.

Ich beschließe, dass die Couch gerade zu frei ist, um glücklich über die Erfüllung ihrer Lebensaufgabe zu sein, also verhelfe ich ihr zur Zufriedenheit und nehme die gesamte Liegefläche ein, wird schon keinen stören. Während die Platte, die gute Platte, dank der endlosen Repeatfunktion mit ihren eventuell auftretenden Schwindelanfällen leben muss, genieße ich das, was sich auf ihr befindet, gute Musik nämlich.

Bis auf dich ist heute wirklich jeder hier, den ich hier haben möchte, und während ich mit einem Blick auf den leeren Raum meine Flasche zum Mund führe, proste ich mir noch leise zu, trinke dann einen Schluck und schließe einfach die Augen. Happy Birthday.


Dienstag, 11. Oktober 2011

Wir, Raven und Ich

Weil es dir gehört, finde ich sogar das Handy toll, was du hier gerade als Ghettoblaster missbrauchst. Eigentlich nervt mich so was, aber du nervst mich nicht, und viel verwunderlicher ist, dass ich dich nicht nerve. Es ist nicht mal die Art von Musik, die ich gerne höre, die du da abspielen lässt, irgend so ein „Kasper“ oder so sagst du, als ich nachfrage. Und mit dir schmeckt mir sogar mein Bier, wobei ich doch eigentlich gar kein Bier mag, das nicht mit Limonade oder anderen Substanzen versetzt wurde, bevor man es in eine Flasche stopfte, in der sich das arme ehemals so stolze Standardbier jetzt seinen Platz mit diesem Sodateenie teilen muss. Wir reden über Gott und die Welt, über Zukunft, Vergangenheit, über Träume und nicht selten über Schwachsinn, aber natürlich ebenso über Menschen und sogar über Frauen.

Und wir finden beide gerade Frauen ziemlich scheiße, aus ähnlichen Gründen. Du sagst, dass du dir Sorgen um deine Zukunft machst und ich verstehe das, weil es mir nicht anders geht. Wir bemerken fast zeitgleich, wie klasse wir es finden, verstanden zu werden und zu verstehen.

Und du machst auf Stammtisch, lässt dein Bier durch deinen Hals Laute von sich geben und schmeißt „Scheiß Weiber!“ in die Runde. Von jedem anderen fände ich das ziemlich kleingeistig, von dir aber nicht. Damit schließen wir beide sogar etwas glücklich das Thema ab.

Wir schwanken schwankend zwischen Tanzen auf dem Parkplatz und Klauen im 1-€-Shop, entscheiden uns dann aber für die erste Option, da wir mittlerweile so viel getrunken haben, dass sich ein Diebstahl (sei er noch so lächerlich) aus erfolgsorientierter Sicht nicht mehr lohnt und beim Tanzen zu schwanken ist ja gar nicht so kontraproduktiv, denken wir. Ich öffne also alle Türen meines blätterteigartigen Rostwagens, mache das Autoradio an und die krächzende Qualität meiner „Anlage“ verwöhnt uns mit musikalischen und auch lyrischen Ergüssen.

Wir, raven, ich. Nine Inch Nails, Daft Punk, K.I.Z., Tocotronic, Frittenbude, wir wollen abgehen zu Musik, die Grenzen überschreitet. Limits fanden wir beide schon immer unnötig. Die Menschen, die uns Blicke zuwerfen, die Bände sprechen, denen schenken wir unser Mitleid, weil wir es sind, die gerade ihre Jugend genießen. Und ihre Freundschaft. Unsere Freundschaft.

Und als wir, immer noch musikalisch erleuchtet, an meinem Auto gelehnt sitzen und uns mit weiteren glücklich machenden Getränken Energie zurückholen, da kommt mir wieder in den Sinn, dass du bald nicht mehr da sein wirst. Weil du da diesen Job bekommen hast, den du dir so sehr gewünscht hast, den ich dir so sehr gewünscht habe. An deinem Blick erkenne ich, dass du an meinem Blick erkannt hast, dass ich wieder daran denke, und du sagst nur „Alter…“ und ich sag nur „ach, nützt ja nix“, und du machst dieses Gesicht, dieses Lächeln zu einem Thema, dass wir beide nicht mal ansatzweise zum Lächeln finden. Du weißt, dass ich Dinge wie „wir verlieren uns ja nicht ganz aus den Augen!“ nicht hören will, also sagst du sie nicht. Außerdem willst du mich nicht anlügen. Wir sind der Höhepunkt in einem Drama über Freundschaft ohne Happy End, aber genau diesen Höhepunktwollen wir genießen

Es ist 2 Uhr morgens als du sagst, dass es Zeit ist, diese Nacht ausklingen zu lassen. Ich muss nicht fragen, ob du eine schöne Idee dafür hast, du hast immer Ideen. Ideen zum wieder Aufbauen, Ideen zum Spaß haben, Ideen um Momente unvergesslich zu machen. Also jagen wir irgendeinen von vielen Menschen mit irgendeinem von vielen Namen auf irgendeinem von vielen Klingelschildern aus seinem Bett, weil wir besagte Klingel so lange drücken, bis seine Stimme durch den Sprecher ein geschwollenes „hm?“ von sich gibt. Dann rasselst du in einer Geschwindigkeit, die selbst mich neidisch werden lässt, einen Text runter, dessen Inhalt irgendetwas mit „Schlüssel verloren“ in sich trägt. Das ergibt zwar nur wenig Sinn, aber der Mensch möchte wohl schnell wieder in sein Bett, öffnet uns die Tür des vielstöckigen Wohnblocks und wir benutzen den Fahrstuhl ins höchste Stockwerk. Du musst schon mal hier gewesen sein, denn du scheinst dich auszukennen. Jedenfalls weißt du, welche Tür von hier aus auf das Dach führt, und dass sich der Schlüssel für diese Tür in einem Blumentopf auf einer Fensterbank im Treppenhaus befindet.

Langsam gehen wir an den Rand des Gebäudes, während du aus deinem Rucksack noch 2 Flaschen holst, die wir brüderlich teilen werden. Als uns nur noch ein Schritt von einem freien Fall auf freien Asphalt trennt, bleiben wir stehen.

„Wow“ sagen wir fast gleichzeitig, den Blick auf diese von Straßenlaternen erleuchtete Stadt gerichtet. Dann sagen wir eine ganze Weile lang nichts. Da ist wieder dieser Blick in deinem Gesicht, und du schaust kurz rüber und sagst „jetzt schau halt nicht so traurig!“. Das finde ich irgendwie melancholisch witzig, dachte ich doch eben genau das Gleiche.

Dann ist wieder Ruhe. Deine Flasche ist leer und du wirfst sie soweit du kannst vom Gebäude, man könnte fast meinen, du seist wütend, aber dein Gesicht ist weggedreht. Ich leere meine Flasche auch, stelle sie aber nur neben mich. Du warst schon immer sportlicher als ich, wäre ja peinlich.

Und dann unterbrichst du ganz leise die Stille, und du sagst „Ich werd‘ dich vermissen, man…“.
Reflexartig greife ich nach meiner Flasche und was dann passiert lässt mich heute noch glauben, alle Rekorde gebrochen zu haben…