Der Typ mit seinen bunten Lamettahaaren und seinen Leuchtaccessoires aus dem Pearlkatalog vollführt etwas, dass er tanzen nennt und ich als Epilepsieanfall bezeichne. Kleinkinder schreien um Aufmerksamkeit zu bekommen, später funktioniert so was nicht mehr ganz so gut und man versucht es mit anderen Dingen. Ich bin überzeugt: dieser Mensch wählte sein Outfit für dieses Vorhaben.
Ein bisschen wie diese ‘Lady Gaga‘ sieht er aus, so wie er da im Blitzlicht zappelt. Wie diese Frau eben, die ihre Weiblichkeit für ein Leben als Plattenvertragsprostituierte opferte. Seine Hände greifen spastisch in alle Himmelsrichtungen, ein bisschen wie ein stark beschleunigter Baumwollsammelafrikaner, der den Weltrekord darin zu brechen oder respektvoll aufzustellen versucht.
Er ist mit dem, was er "seinen Style" bezeichnet nicht allein auf der Tanzfläche, um ihn herum tummeln sich weitere schwarze Weihnachtsbäume, die ähnliche Symptome aufweisen. Ich fühle mich an nächtliche Zugfahrten im ICE erinnert, alles schwarz und viele bunte Lichter rauschen an mir vorbei.
Irgendwann geht der Typ zum Tresen, direkt in meine Richtung also, und bestellt sich eine kleine Cola. "Meine Chance" denke ich mir und packe die Gelegenheit am Schopf. Ich gehe ein paar Schritte auf ihn zu -zugegebenermaßen leicht torkelnd, der Abend ist nicht mehr der Jüngste- und spreche ihn an.
“Ahoi“ sage ich und er grinst mich an, so wie es Menschen tun, die ihre Unsicherheit hinter dämlichen Gesichtern zu verstecken gedenken. Ich spiele den Interessierten und Unwissenden, möchte Wissen, welcher Gedanke, welche Ideologie hinter seinem Lifestyle, seiner Lebensart steckt. Der Knabe wird etwas bleicher in seinem geschminkten Gesicht, man kann die Hoffnung, dass seine Bestellung bitte schnell kommen möge, in seinen unsicheren Augen sehen.
Da in den nächsten 5 Sekunden immer noch keine Cola vor seiner Nase steht, beginnt er, mir stammelnd erklären zu wollen, was er zu verkörpern gedenkt.
Er faselt von Zusammengehörigkeitsgefühlen, von Abgrenzungen von sogenannten Stinos, Stinknormalen, wie er mir auf meine Nachfrage erklärt, aber auch von Akzeptanz gegenüber dem Anderssein. Schon die Kontroversen seiner bisherigen Erläuterung widern mich an.
Aber dein Kleidungsstil, frage ich ihn, warum genau so?
Er überlegt. “Naja, es gibt da eben mehrere Unterteilungen von diesem… dieser…“ –“Subkultur“, helfe ich ihm auf die Sprünge. “Genau, Subkultur, danke, jedenfalls das was ich bin… oder mache, das nennt sich Cyber-Goth, da siehst du eben oft diese bunten Haarteile, Schweißerbrillen, manchmal auch Gasmasken...“. “Und warum das Ganze, welche Idee steckt dahinter?“. Er hat seine Cola mittlerweile in der Hand, allerdings ist das Glas so gut wie leer, weil er nach jedem Satz einen Schluck nimmt, um sich Zeit zum Nachdenken zu verschaffen. “Ja es sieht eben cool aus!“, sagt er mit demselben Grinsen, dass mich schon bei meiner Begrüßung anstrahlte. “Muss jetzt aber wieder los, tanzen und so, war nett dich kennen zu lernen!“ – er rennt förmlich weg. Eigentlich, denke ich mir, hat er mich absolut nicht, ich ihn aber umso mehr kennen gelernt.
Ich beschließe, auf die Menschen zu trinken, die noch für etwas stehen, ob es nun ein bestimmter Gedanke, irgendeine Weltverbesserung oder ganz einfach die Liebe ist. Natürlich geht so etwas nicht ohne das passende Getränk, also schreie ich gegen die Musik an und ordere bei dem tätowierten Barmann ein kühles Billigbier, man gönnt sich ja sonst nichts.
Neben mir sitzt ein Mädchen, welches leider auch dem Phänotyp der bereits genannten Interpretin entspricht. Ich nehme mein Bier, drehe mich zu ihr, so auffällig, dass sie zu mir guckt. Dann hebe ich meine Flasche. “Auf die Liebe“ sage ich in einer Lautstärke, die meine Blickpartnerin unmöglich vernehmen kann. Noch bevor sie die Chance hat, mir ein “Häh!?“ entgegenzubrüllen, drehe ich mich wieder zum Barmann und reduziere den Inhalt meiner Flasche während ich den Inhalt meines Körpers vermehre.
Jetzt passiert etwas Unerwartetes. Der DJ mit dem wahrscheinlich unter Drogen gewählten Namen “Trolli“ spielt tatsächlich einen Track, der mir das Sitzenbleiben am Tresen einfach verbietet. Meine Stiefel lassen mich auf die Tanzfläche galoppieren. Gabi Delgado-López von ‘D.A.F.‘ hächelt “Als wär’s das letzte Mal“ entgegen, begleitet von tadelloser Synthesizer-Schlagzeug-Kopulation. Wer da sitzen oder stehen bleiben kann, hat Musikgeschichte nicht verstanden.
Die Weihnachtsbäume verziehen sich zum größten Teil von der Tanzfläche, kommt ja auch kein Krach mehr sondern plötzlich Musik. Die übriggebliebenen Lichterkettenträger scheinen sich von mir gestört zu fühlen, da ich die Tanzfläche für mich beanspruche, schuldbewusst gestehe ich mir aber ein, dass meine Schultern die Strahlemänner nicht zufällig so oft treffen.
Das Lied ist leider viel zu schnell vorbei, doch der DJ scheint mit dem Blindes-Huhn-findet-Korn-Wunder gesegnet zu sein, da er sich entschließt, den Interpreten so schnell nicht zu wechseln, und lieber noch den guten alten Klassiker „Der Musssolini“ durch die Lautsprecher zu jagen. Das vertreibt zwar auch die letzten Wanderlaternen von der Tanzfläche, fesselt mich aber noch Stärker an diesen heiligen Boden. Ich erkenne unschwer, dass es dem Kapellmeister missfällt sein Publikum mit guter Musik vergrault zu haben. So ist es nicht verwunderlich, dass D.A.F. dem Fade-in eines Stückes zum Opfer fällt, welches mit Dezibel, Vulgärvokabular und Metallbauatmosphäre überzeugen möchte. Die Weihnachtsbaumschule versammelt sich wieder auf der Fläche. Wundert mich nicht.
Da meine Stimmung durch die –wenn auch nur kurzzeitig gute- Musik gestiegen ist, verwirkliche ich die Phrase, dass man doch bitte gehen soll, wenn es am schönsten ist. So soll es sein, kopfinterner Phrasendrescher, dein Wort ist mein Gesetz, deine Wünsche meine Befehle, mach’s gut, Nachtetablissement. Immerhin waren die Getränke günstig.